AS.ISM_2 11
Das Geschlechterverhältnis war und
ist Transformationen unterworfen,
die Situation von Frauen hat sich
verbessert und der soziale Handlungsrahmen
für Männer erweitert, aber immer
noch ist das Verhältnis ein hierarchisches.
Schließlich haben gesellschaftliche Veränderungen
zwar zu einer formellen Gleichbehandlung
der Geschlechter z.B. bei den
Zugangsmöglichkeiten zu Bildung und Politik
geführt und inzwischen besteht auch
für Frauen die Möglichkeit, in der Sphäre
der gesellschaftlichen Öffentlichkeit zu wirken,
aber ökonomische, berufliche, soziale
und private Geschlechterzuweisungen existieren
weiterhin.
Machtverhältnisse, die sich auf die Trennung
und Hierarchisierung der Geschlechter
stützen, äußern sich vielfältig in den
verschiedensten Bereichen. Die Strukturen
bestehen auf verschiedenen Ebenen und
sind kompliziert und komplex und man
macht es sich zu einfach, Männern die
Herrschaftsausübung und somit die Rolle
der Unterdrücker und Frauen die Rolle der
Unterdrückten zuzuschreiben, denn an der
Gestaltung und Aufrechterhaltung sind beide
Geschlechter beteiligt.
Die gegenwärtige Gesellschaft ist von
Macht- und Hierarchiestrukturen geprägt,
die sich sowohl im Geschlechterverhältnis
wie in der ökonomischen Ordnung zeigen,
wobei diese zwei Aspekte miteinander verflochten
sind. Die eindeutige Unterscheidung
der Geschlechter ist nicht nur eine Erscheinung
des Kapitalismus, aber sie wird
in ihm brauchbar gemacht. Eines seiner herausragenden
Merkmale ist die Trennung
von Produktions- und Reproduktionssphäre,
wobei traditionell Männern der öffentliche,
produktive und Frauen der private,
reproduktive Bereich zugeordnet ist. Dabei
wird die Arbeit im Reproduktionsbereich
nicht bezahlt, bzw. nur über die Lohnarbeit
des Mannes indirekt vergütet. Verschiebungen
in diesen traditionellen Geschlechterzuweisungen
haben zwar stattgefunden,
jedoch waren sie nie radikal genug, um zu
einer Bedrohung des Kapitalismus zu führen
oder die Auflösung der Geschlechter
zu bewirken. Gendermainstreaming ist inzwischen
ein etabliertes Konzept und einzelne
Forderungen der diversen Frauenbewegungen
wurden erfüllt, allerdings stellt
sich immer wieder heraus, dass das kapitalistische
System genug Flexibilität aufweist,
um auf die Veränderungen einzugehen
ohne das Geschlechterverhältnis grundsätzlich
zum Wanken zu bringen. Ein weites
Spektrum verschiedener Positionen kann
parallel in gesellschaftlichen Diskursen bestehen,
und so ist die Gleichzeitigkeit von
kritischen Gender und Queer Theories und
konservativen antifeministischen Backlashpositionen
möglich.
Prinzipiell stehen Frauen inzwischen alle
Berufszweige offen, aber sie sind immer
noch die Hauptverantwortlichen für den
Reproduktionsbereich, bei der Karriereplanung
hindert sie nach wie vor die vielbeschworene
Doppelbelastung. Bis heute
wird innerhalb dieser Gesellschaft in „typisch
männliche“ und „typisch weibliche“
Tätigkeiten unterschieden und wie fest
diese Einteilung auch in den Köpfen verankert
ist, lässt sich z.B. an Statistiken ablesen,
die die Berufswünsche von jungen
Männern und Frauen abfragen. “Typisch
weibliche Tätigkeiten” sind eher dienstleistend
oder sozial und stützen sich auf die
zugeschriebenen “weiblichen” Qualitäten
wie Einfühlungsvermögen, Fürsorge und
Vermittlung. Durchsetzungsvermögen,
Machtstreben und dominantes Verhalten
sind dagegen die “männlichen” Qualitäten,
die die Männer zu produktiven, führenden
und planenden Tätigkeiten befähigen und
die Überzahl der Männer in Führungspositionen
erklären würden. Einhergehend
mit dieser Einteilung ist auch eine implizite
Wertung, die sich sowohl in der Bezahlung
als auch in der Hierarchisierung der Felder
niederschlägt.
Da die Trennung der Gender-Rollen derart
manifest ist, kommt es zu Problemen, wenn
Rollenklischees durchbrochen werden. Mit
dieser “Unordnung” umzugehen, gibt es
verschiedene Strategien, um passend zu
machen, was laut Geschlechtervorstellungen
nicht passt. In dieser Gesellschaft
wird von jedem Menschen gefordert, eine
eindeutige Gender-Identität mit einem
festen Inventar an Eigenschaften zu leben,
und zwar die als Mann oder Frau, etwas dazwischen
gibt es nicht. Menschen, die sich
nicht den geschlechtsspezifischen Zuordnungen
unterwerfen, sehen sich besonderen
Schwierigkeiten ausgesetzt, ihnen wird
oft die gesellschaftliche und private Anerkennung
entzogen, da sie von ihrer Umwelt
als verstörend und verunsichernd wahrgenommen
werden. Dies kann weitreichende
Folgen haben und der Druck führt ja genau
dazu, dass sich Menschen einpassen und
sich so das System perpetuiert. Wie sehen
die Strategien, die die Trennung der Geschlechter
aufrechterhalten soll, also aus?
Alles Teil des Systems
Antifaschistischer Frauenblock Leipzig (AFBL)
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Frauen, die in “männliche Domänen” und
sei es nur der Führungsbereich vordringen,
haben erst einmal mit den Vorurteilen
zu kämpfen, dass ihnen doch das “natürliche
Grundwissen” fehle oder sie qua Geschlecht
unfähig zu dieser Tätigkeit seien
oder zumindest ihre Arbeit einer sehr viel
kritischeren Beurteilung ausgesetzt sehen.
Sollte eine Frau in einer nicht typisch weiblichen
Position oder Tätigkeit erfolgreich
sein, wird ihr oftmals vorgeworfen, sie
habe sich “männlicher” Verhaltensweisen
bedient und sei keine “echte” Frau mehr.
Ebenso findet sich aber auch die Argumentation,
dass Frauen eben besonders gut für
leitende Posten geeignet seien, weil ihnen
bspw. eine höhere Kompetenz in Kommunikation
zugesprochen wird. Parallele Vorstellungen
finden wir auch, wenn Männer in
“weiblichen Berufen” arbeiten. Ihnen wird
gern ihre “Männlichkeit” abgesprochen
(z.B. Weichei-Waschlappen-Vorwurf), und
sie werden belächelt. Obwohl Arbeiten in
einem gesellschaftlich geringer bewerteten
Beruf einen sozialen Abstieg/Machtverlust
bedeutet, wird aber in speziellen Bereichen
ihre Tätigkeit von den Mitarbeiterinnen als
besonders positiv und lobenswert angesehen.
Es werden ihnen eher Fehler zugestanden,
weil sie mit diesem Bereich “nicht
vertraut” seien und es gibt ebenso die Auffassung,
dass Männer auch in traditionell
weiblichen Berufen qua ihres Geschlechts
von besonderer Eignung seien, z.B. wir es
in Kindergärten für zunehmend wichtig
empfunden, dass den Kinder auch männliche
Betreuer als Rollenmodelle vorgeführt
werden.
Ähnliche Mechanismen wirken im Freizeitbereich.
„Versagt“ zum Beispiel ein
Mann – mal ganz platt: kann er nicht Fußball
spielen –, so wird dies mit fehlendem
Talent oder individuellem Nichtkönnen
begründet. „Versagen“ Frauen hingegen,
so ist dies oft genug die Bestätigung für das
Versagen eines ganzen Geschlechts. Dies
äußert sich dann in Sätzen wie: „Hab ich
es doch gewusst – Frauen können so etwas
nicht.“ oder: „Frauen sind für so etwas einfach
nicht geschaffen”.
Individuelle oder sozialisationsbedingte
Unterschiede werden so übergangen, damit
eine allgemein gültige Aussage über
Geschlechter möglich wird. Es gibt genug
Beispiele, die nicht den Stereotypen entsprechen,
doch diese werden viel weniger
wahrgenommen als solche, die sie stützen,
sie werden immer wieder gesucht und
pseudowissenschaftlich begründet, z.B.
durch Biologisierung der Geschlechter und
ihre Erklärung durch evolutionäre Sinnhaftigkeit.
Männer hätten zum Beispiel ein besseres
räumliches Sehvermögen, weil sie in
Urzeiten für die Jagd zuständig waren und
weite Entfernungen gut abschätzen können
mussten, während bei Frauen der Blick auf
nahe, kleine Dinge besser ausgebildet ist
aufgrund ihrer damaligen Aufgabe, Früchte
und Beeren zu sammeln.
Sexistischer Normalzustand
Das Geschlechterverhältnis findet seinen
Ausdruck im sexistischen Alltag, der von
strukturellen und individuellen Bedrohungen
und Einschränkungen geprägt ist.
Diese umfassen eine große Bandbreite, von
sexistischen Sprüchen, ungewollten Berührungen
bis hin zu Vergewaltigungen. Schon
die Möglichkeit einer Vergewaltigung
und damit verbundene Ängste begrenzen
Frauen in ihren Möglichkeiten.
Dieser Position steht die gesellschaftlich
vorgeprägte relative Machtposition von
Männern gegenüber. Hier gilt ebenso, wie
bereits oben gesagt, dass es nicht um eine
einseitige Schuldzuweisung geht, sondern
dass Männer wie Frauen diese Verhältnisse
reproduzieren. Wer dagegen angeht, ist
beständig von Aggressionen bedroht, da
niemand sich gern sein einfaches Weltbild
wegnehmen lässt. Diese Verhältnisse aufzubrechen
erfordert permanente Reflexion
und Auseinandersetzung, auch mit dem eigenen
Verhalten.
Geschlechtsspezifische Hierarchie- und
Machtkonstellationen wirken sich auch
auf Sexualität und Körperempfinden aus.
Eine „natürliche“ Sexualität existiert nicht,
Lustempfinden und Wünsche sind vergesellschaftet.
Allgemein wird jedoch ein
anderes Bild vermittelt, Sexualität wird
individualisiert, als rein privat angesehen
und zusätzlich mit Tabus belegt. Im geschlechtshierarchischen
System ist ein ungutes
Körpergefühl von Frauen angelegt,
das diese jedoch ebenfalls als persönliches
Problem begreifen sollen. Diese Verwundbarkeit
wird benutzt, um das Machtgefüge
aufrechtzuerhalten, ein Mittel und ein
Ausdruck davon ist sexualisierte Gewalt.
Bei einer Vergewaltigung versucht der
Täter eben diese Macht zu zeigen und die
Frau zu kontrollieren, zu beherrschen und
zu erniedrigen. Vergewaltigungen finden
in einem gesellschaftlichen Kontext statt,
der auf Hierarchie und Gewalt in den Geschlechterverhältnissen
basiert, diesen Zustand
auszunutzen und zu reproduzieren
ist aber eine Entscheidung und ein Vergewaltiger
ist für seine Taten verantwortlich
zu machen.
Szene – nur Teil des Ganzen
Klar ist, dass die so genannte linke Szene
nicht außerhalb der Gesellschaft steht. Nur
aufgrund ihrer emanzipatorischen Ansprüche
werden Linke nicht zu besseren Menschen.
Auch innerhalb einer (sub-)kulturellen
Szene, deren Leute als weitestgehend
politisiert bezeichnet werden, fehlt oftmals
das Bewusstsein für das Thema Sexismus.
Ein antisexistisches Selbstverständnis gehört
zwar in linken Projekten inzwischen
beinahe zum Standard, wird jedoch kaum
mit Inhalten gefüllt. So kommt es nicht selten
vor, dass bei Konzerten jeglicher Musikrichtungen
sexistische Ansagen oder Texte
zu hören sind. Wird dies überhaupt thematisiert,
ist die Reaktion oft Unverständnis: die
Band sei doch gut, man dürfe das alles nicht
zu ernst nehmen, schließlich sei es ja nur ein
Lied und alles nur eine Interpretationsfrage
etc. Ein irgendwie politischer Anspruch
scheint sich im sozialen Bereich häufig gar
nicht fortzusetzen. Sexistische Sprüche am
Tresen, Rumgepose im Club oder Antatschen
im Gedränge sind auch in linken Läden
an der Tagesordnung. Abgetan wird
dieses Verhalten beispielsweise damit, dass
der Verantwortliche jedoch ansonsten ein
guter Antifaschist oder Antideutscher oder
Kumpel ist. Von Paarbeziehungen wollen
wir gar nicht erst anfangen.
Auch in Gruppenstrukturen ist Sexismus
ein niemals endendes Thema. Trotz des
vielen Geschriebenen und Gesagten sind
kaum Fortschritte erzielt worden. Im Gegensatz
zu anderen Themen verlaufen Diskussionen
über Sexismus, so sie überhaupt
geführt werden, oft sehr aufgeheizt und
kommen über strukturelle Standards (z.B.
quotierte Redeliste, paritätisch besetzte Podien)
selten hinaus.
Außerdem scheint es, als müssten seit Jahren
immer wieder dieselben Diskussionen
geführt werden, hier kann zum Beispiel das
ewig leidige Redeverhalten genannt werden.
Wenn es dann zu strukturellen Maßnahmen
gekommen sein sollte, stellen solche Veränderungen
immer nur einen kleinen Schritt
auf dem Weg zur Durchsetzung nicht-sexistischer
Standards dar. Weder sexistische
noch sozialisationsbedingte Verhaltensweisen
werden damit grundsätzlich in Frage
gestellt oder aufgelöst. Nach dem Plenum
ist ein reflektierteres Verhalten nicht zu
bemerken. Allerdings werden von Frauen
die geschaffenen Möglichkeiten oft nicht
ausgeschöpft, denn die Angst, zu versagen,
das Unbehagen vor der zu übernehmenden
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Verantwortung wird nicht abgebaut. Diese
Ängste können nur überwunden werden,
wenn sie aktiv angegangen werden und
sich nicht auf einem Status Quo ausgeruht
wird.
Frauen in der linken Szene gehen ständig
zugunsten einer vermeintlich allgemeinen
Politik Kompromisse in Bezug auf die Thematisierung
sexistischer Verhältnisse und
Verhaltensweisen ein. Oft genug verzichten
sie auf diese Diskussionen, obwohl sie ihnen
wichtig sind, um mit der Arbeit innerhalb
der Gruppe voranzukommen oder weil sie
negative Reaktionen befürchten. Es muss
nicht bis zum Dissing der Betreffenden
kommen, ein bloßes Augenrollen oder andere
Anzeichen von Genervt-Sein reichen
unter Umständen aus, um Frauen die Motivation
für die Diskussion zu nehmen. Diese
Anzeichen vermitteln Frauen, dass es kein
Interesse an einer Auseinandersetzung gibt.
Das Thema Sexismus wird nicht nur belächelt,
sondern auch gerne übergangen oder
immer wieder verschoben.
Sexismus und das hierarchische Geschlechterverhältnis
sind keine marginalen Probleme,
dem sich nur Frauen widmen sollten
und die in der Gesamtheit der politischen
Themenfelder eine neben- oder untergeordnete
Rolle spielt. Nicht nur, weil sexistische
Sprüche nerven und sexualisierte
Gewalt Leid verursacht, sondern weil es dabei
um etwas geht, das alle betrifft. Frauen
wie Männer, Intersexuelle, Transsexuelle,
erfahren Einschränkungen durch die herrschenden
Zu- und Abschreibungen, die
einer freien Entwicklung im Wege stehen
und so ist die Einführung nicht-sexistischer
Standards zwar eine begrüßenswerte Maßnahme,
aber nicht das non-plus-ultra. Die
Reflexion des eigenen Verhaltens und
weitergehende Auseinandersetzung mit
Geschlecht/Gender als eine grundlegende
Kategorie, die das Leben strukturiert, kann
und soll sie nicht ersetzen.
Dieser Beitrag ist eine gekürzte und überarbeitete
Version eines Textes von 2001.