Melanie Groß

»Also, wie kann man sich jetzt überhaupt noch organisieren? Natürlich auch feminis-
tisch oder postfeministisch – auf jedem Fall vor so einem Hintergrund. Wie kann man
das?«
Diese Frage stellt sich eine Probandin in einer Gruppendiskussion im
Anschluss an eine Diskussionssequenz, in der die Teilnehmenden sich
über ihre Kritik am Feminismus und an der linken Autonomen Szene
ausgetauscht haben. Sie sind sich einig darüber, dass der Feminismus
weiß und bürgerlich, auf Anpassung an das Bestehende fixiert, ausgren-
zend und tendenziell rassistisch sei. Normativ und ausgrenzend sei auch
die linke Szene und die sich dort verortenden feministischen Gruppen.
Von Frauen wollen viele der Teilnehmenden nicht mehr sprechen, denn
dass es eine Gruppe gäbe, die mit dem Begriff Frauen repräsentierbar sei,
lehnen sie als gewaltförmig ab. Und dennoch: Über die Notwendigkeit in
Bezug auf die Kategorie Geschlecht widerständig handeln zu müssen,
besteht angesichts von Phänomenen wie Sexismus, Heterosexismus,
struktureller und sexualisierter Gewalt Einigkeit. Wie kann also feminis-
tisch gehandelt werden – trotz all dieser Kritikpunkte?
In diesem Artikel werden drei verschiedene Angriffsziele und Selbst-
verständnisse post-/queer-/linksradikal feministischer Gruppen vorge-
stellt und gezeigt, wie es ihnen gelingt, gleichzeitig verschiedene Macht-
und Herrschaftsformationen anzugreifen. Zuvor wird ein kurzer Ein-
blick in die theoretische Debatte gegeben, die nachhaltigen Einfluss auf
die untersuchte Szene und ihre Auseinandersetzungen hat.

1. Selbstreflexive feministische Auseinandersetzungen
Wie feministisch gehandelt werden kann, ist für aktivistisch orientierte
und in einzelnen Gruppen organisierte linke Autonome Szenen genauso
wie für feministische Theorieansätze hochgradig relevant. Diskutiert
wird diese Frage vor allem im Kontext des so genannten Paradigmen-
wechsels, mit dem aus postkolonial, queer und poststrukturalistisch
geprägten feministischen Debatten ein radikales Misstrauen gegenüber
dem emanzipatorischen Gehalt feministischer Ideen formuliert wird. In
diesen Theorieansätzen wird festgehalten, dass Kategorien wie race oder
Geschlecht nicht etwa bereits Existierendes bezeichnen würden, sondern
dass Begriffe stets einen normativen Charakter haben und machtvoll das
erschaffen würden, was sie vermeintlich nur beschreiben. Beteiligt sich
feministische Theorie an der Verwendung solcher Kategorien, sei sie
auch beteiligt an der Gewaltförmigkeit, die diese zur Folge haben.
Diese selbstreflexive Erkenntnis ist durch den Einzug poststruktura-
listischer Ansätze in den Sozial- und Kulturwissenschaften geschärft
worden. Sie verweist auf den realitätsproduzierenden Gehalt von Spra-
che und Diskursen und stellt jegliche Vorstellung von Natürlichkeit in
Frage. Die Form der diskursiven Hervorbringung von Realität nennt
Michel Foucault (1998) die produktive und gleichzeitig disziplinierende
Seite der Macht. Judith Butler (1991) nennt sie die performative Wirkung
von Sprache, die durch permanentes Wiederholen im Laufe der Zeit
relativ stabil wirkende scheinbare Normalitäten produziert, durch die In-
dividuen reguliert werden.
Diese auf den ersten Blick sehr abstrakte Vorstellung hat sehr kon-
krete Auswirkungen auf die Frage danach, wie und in wessen Namen
feministisch gehandelt werden kann: Wenn Sprache und Diskurse Reali-
tät erzeugen, stellt sich für feministische Ansätze die Frage, was das für
den Begriff Frau bedeutet. Welche homogenisierte Gruppe wird durch
diesen Begriff erzeugt – und welche Gruppen werden ausgeschlossen?
Die Figur des Aus- und Einschlusses zeigt, dass die Bezeichnung des
Einen auch stets die Markierung eines Anderen zur Folge hat, dass Dif-
ferenz in dieser Logik nur als Entweder-Oder denkbar ist (Derrida 2004).
Binäre Begriffspaare sind differentielle Verweisungen – das Eine ist nicht
ohne das Andere denkbar, die Spuren des Anderen sind notwendiger-

weise Teile des Einen (Plößer 2005: 39f.). Die binäre Differenzsetzung
führt zu einer Homogenisierung und zugleich zu einer Hierarchisierung.
Das systematische Denken eines Dazwischen, Daneben, Quer-dazu-
Verlaufens ist in der westlichen Denktradition nicht verankert. In Bezug
auf Kategorien wie Frau oder Mann schafft eine solche dualistische
Denkweise Zonen des Unbewohnbaren (Butler 1997: 23). Es ist in ge-
genwärtigen west-europäischen Gesellschaften schwer möglich, sich
nicht als entweder männlich oder weiblich zu identifizieren. Erst die
Annahme eines Geschlechts lässt uns zu Subjekten werden: »Die Matrix
der geschlechtsspezifischen Beziehungen geht dem Zum-Vorschein-
Kommen des ›Menschen‹ voraus« (Butler 1997: 29; Hervorh.i.O.). Er-
folgt die Annahme eines exklusiven Geschlechts nicht – aus welchen
Gründen auch immer – verlassen die Individuen die als normal markierte
Zone und werden durch Systeme des Rechts, der Psychologie und Psy-
chiatrie sowie der Medizin reguliert (Dietze 2003). Die Differenzsetzung
Frau – Mann ist untrennbar verwoben mit der heterosexuellen Matrix
(Butler 1991), innerhalb derer Frauen und Männer als komplementäre
und durch wechselseitiges Begehren aufeinander bezogene Identitäten
erscheinen (müssen). Geschlecht ist demnach untrennbar verwoben mit
Sexualität – sexuelles Begehren jenseits der heterosexuellen Matrix nicht
vorstellbar.
Innerhalb des feministischen Diskurses herrscht einmal mehr und
einmal weniger Einigkeit über die Berechtigung des selbstkritischen
Gehalts dieser theoretischen Positionen. Vor allem die Debatte um Ein-
und Ausschluss ist inzwischen ein häufig aufgegriffenes feministisches
Thema (vgl. dazu auch Wehr in diesem Band). Gleichzeitig werden die
daraus folgenden Konsequenzen für feministische Theorie und Politik
sehr kontrovers diskutiert, was durchaus als Streit um Hegemonie (Nie-
kant/Schuchmann 2003: 10) bezeichnet werden kann. Poststrukturalisti-
sche feministische Positionen werden etwa von Barbara Holland-Cunz
(2003: 167) als »intellektuell außerordentlich anregend« aber »weitgehend
entpolitisiert« bezeichnet. Auch aus der Perspektive der feministischen
Kritischen Theorie ist es schwer möglich, die Kategorie Frau grundsätz-
lich zu hinterfragen, denn genau diese Kategorie wird benötigt, um Un-
gleichheit entlang der Achse Geschlecht bestimmen zu können. So fragt
Regina Becker-Schmidt (1998: 91), ob die berechtigte Zurückweisung

des Zwangssystems der Zweigeschlechtlichkeit auch als sozialpolitische
Orientierung tauge, »wenn es darum geht, die soziale Ungleichheit zwi-
schen den Geschlechtern aufzuheben«. Das Problem sprachphiloso-
phisch orientierter, auf symbolisch kulturelle Formen der Normierung
und Disziplinierung von Subjekten konzentrierter feministischer Strö-
mungen liegt darin, dass sie strukturelle Ungleichheitsverhältnisse ver-
nachlässigen und diese auch nur schwer systematisch erfassen können.
Der sich hieraus ableitende Streit um Hegemonie innerhalb des feminis-
tischen Feldes suggeriert bisweilen, dass feministisch orientierte Men-
schen sich nun entweder für die eine, die sozio-ökonomische, oder die
andere, die symbolisch-kulturelle Seite der Theoretisierung zu entschei-
den hätten, da beide Positionen von als unvereinbar geltenden Prämissen
ausgehen (Fraser 1993).
In diesem Artikel wird nun die Perspektive eingenommen, dass der
Streit um Hegemonie ein Dilemma produziert, das aufgrund jeweils
verschiedener Prämissen und jeweils unterschiedlich fokussierter gesell-
schaftlicher Verhältnisse tatsächlich nicht völlig lösbar ist. Zu unter-
schiedlich und paradox erscheinen Macht- und Herrschaftsformationen
in der gegenwärtigen Gesellschaft, als dass eine theoretische Position sie
in ihrer Gänze erfassen könnte. Damit stellt sich auch die Frage, wie
derart komplexe Macht- und Herrschaftsformationen überhaupt ange-
griffen werden können, also wie und an welchen Stellen zumindest pro-
duktive Anknüpfungspunkte zwischen den Positionen bestehen.
Der Blick in aktivistische feministische Szenen kann für die Beant-
wortung dieser Frage hilfreich sein und der theoretischen Debatte wich-
tige Impulse liefern. Denn innerhalb dieser Szenen existieren ebenfalls
konkurrierende Positionen, die dort nicht als rein theoretisches Dilemma
behandelt werden können. Durch ihre Orientierung am konkreten politi-
schen Handeln und der Planung von Aktionen sind sie gezwungen, sehr
konkrete und punktuelle Lösungen zu finden. Solche Lösungen und die
jeweils dahinter stehenden feministischen Selbstverständnisse und Posi-
tionen, Angriffsziele und Interventionsarten sind dabei immer umstritten
und führen zu Kämpfen um Definitionsmacht.
Grundlage des Artikels bilden drei Gruppendiskussionen, die im
Rahmen meines Dissertationsprojektes innerhalb der post-/queer-/links-
radikalen feministischen Szene in einer mittelgroßen Stadt in Nordrhein-

Westfalen geführt wurden. Die Gruppendiskussionen wurden im Stile
der Grounded Theory nach Anselm Strauss und Juliet Corbin (Strauss 1991;
Strauss/Corbin 1996; Corbin 2003) in Verbindung mit der
Dokumentarischen Methode nach Ralf Bohnsack (Bohnsack 2000, 2003;
Bohnsack/Nentwig-Gesemann/Nohl 2001) erhoben und ausgewertet.
Alle drei Gruppen sind Teil der Autonomen Szene und zwischen der
Universität und dem Autonomen Zentrum verortet. Im Folgenden wer-
den die Anlässe für ihr jeweiliges aktivistisches Handeln analysiert und
das damit korrespondierende Selbstverständnis der aktivistischen Akteu-
rInnen in den Blick genommen, um schließlich die Verknüpfungen der
Gruppen untereinander herausarbeiten zu können.
2. Angriffsziele und Selbstverständnisse
In feministischen Szenen spiegelt sich die oben dargestellte theoretische
Diskussion wider und hat bereits zu einer Vervielfältigung aktivistischer
Strategien geführt. Es werden beispielsweise Taktiken eingesetzt, die als
symbolische Guerillastrategien verstanden werden können. Mit Aktionen
wie radical cheerleading (Amann 2005), Ladyfesten (Groß 2006), Kommuni-
kationsguerilla (autonome a.f.r.i.k.a gruppe/Blissett/Brünzels 2001), Cy-
berfeminismus (Weber 2001) oder riot grrrlism (Gottlieb/Wald 1995;
Baldauf/Weingartner 1998; Kailer/Bierbaum 2002; Groß 2003) wird auf
aktivistischer Ebene versucht, Sehgewohnheiten zu irritieren, Grenzen
zu überschreiten und Normalität in Frage zu stellen. Gleichzeitig werden
nach wie vor Strategien zum Einsatz gebracht, die von der Wirk-
mächtigkeit der Zweigeschlechtlichkeit ausgehen und deren Auswir-
kungen angreifen.
In dem hier zugrunde gelegten Material lassen sich aus der Vielfalt
politischer Interventionsformen feministischer Szenen insgesamt drei
zentrale Angriffsziele herausarbeiten, die im Folgenden näher erläutert
werden: Normativität, Zuschreibung und Wirkmächtigkeit. Diese drei
Angriffsziele bilden die jeweiligen thematischen Knotenpunkte der drei
Gruppendiskussionen, denn die Gruppen stellen ihre Ansichten und
Ideen dazu, was für sie Widerstand ist oder was für sie Macht ist, immer

wieder in Bezug zu diesen Knotenpunkten. Darüber hinaus tauchen
diese Begriffe in allen drei Diskussionen auf und stehen in Beziehung
zueinander. Jede Gruppe legt jedoch einen deutlichen Schwerpunkt auf
einen dieser drei Punkte. Sie gelten jeweils als Haupt-Angriffsziele des
Widerstandes einer einzelnen Gruppe.
Um den Knotenpunkt herum spannt sich in jeder Gruppendiskus-
sion die Selbstpositionierung und Beschreibung des eigenen Selbstver-
ständnisses als entweder postfeministisch, queer-feministisch oder links-
radikal-feministisch. Mit diesen im Folgenden vorgestellten Selbstver-
ständnissen gehen bestimmte Orientierungsrahmen und Verständnisse
von Begriffen einher, aufgrund derer konkrete politische Praxen favori-
siert werden. So sprechen alle Gruppen von Geschlecht, Macht und
Widerstand, allerdings verbergen sich dahinter zum Teil sehr unter-
schiedliche Ideen und Vorstellungen. Diese verschiedenen Vorstellungen
führen zu abweichenden Einschätzungen darüber, welche politischen
Strategien sinnvoll sein könnten und welche nicht.
2.1 Normativität und postfeministischer Widerstand
Die erste Gruppe, deren Gemeinsamkeit vor allem das hochschulpoliti-
sche Engagement und die alternative Kulturproduktion der Teilnehmer-
innen bildet, nennt als ihr zentrales Angriffsziel Normativität. Die Kritik
dieser Gruppe richtet sich grundsätzlich an jegliche Formen des Ver-
suchs der Einflussnahme auf Personen und Positionen, die sie als nor-
mativ ablehnen. Diese Haltung wurde nicht zuletzt auch aus den Erfah-
rungen gewonnen, die sie innerhalb der eigenen politischen Szene ge-
macht haben und kann gerade deshalb als selbstreflexiv bezeichnet wer-
den, weil die Gruppenmitglieder auch Teil der jetzt kritisierten Struktur
sind.
Die Diskussionsteilnehmerinnen teilen die Auffassung, dass ›Poli-
tisch-Sein‹ in der Linken, zu der sie die feministische Bewegung zählen,
ein normativ aufgeladenes Programm mit relativ klaren Bedingungen für
die Gewährung von Zugehörigkeit ist. Diese Szene ist ihrer Meinung
nach geprägt von Ausschluss (»dass ich immer schon ganz stark dieses
Ausgrenzen gespürt hab«) und Zugangsbarrieren. Die Überwindung des
175
Ausschlusses und das Erlangen von Zugehörigkeit gelingen nur durch
die Anpassung an diesen Normierungsdruck. Als Beispiel diskutieren sie
die Frage nach dem linken ›Dress-Code‹, der für sie mehr zu bedeuten
hat als nur die Frage nach Stil und Mode innerhalb einer Szene oder
eines Milieus: A: »Ja ich find zum Beispiel lange blonde Haare sind auf
jeden Fall nicht hilfreich, um als vollwertiges Mitglied zu gelten.« B:
»Kurze Röcke und Stiefel auch nicht.«1 An diesem Gesprächsausschnitt
wird deutlich, dass ›typisch weibliche‹ Attribute (lange blonde Haare,
Röcke tragen) innerhalb der Szene negativ besetzt sind und den Zugang
erschweren. Ein Teil der Szene zu sein oder werden zu wollen ist gebun-
den an ein erwünschtes Verhalten, an ein bestimmtes Aussehen (»Ich
fand immer, dass die linke Szene ganz viel äußerlich klar macht«) und an
gemeinsame Sichtweisen. Diese werden in einem komplexen Gefüge von
Gruppen und definitionsmächtigen Positionen als Code gelernt. Teil der
Szene zu sein ist für jede Einzelne jedoch auch mit dem Gefühl des
Erlangens einer mächtigen (»dann haste was zu sagen«) und heroischen
Position verbunden. Sie gilt als identitätsstiftend für nahezu alle Lebens-
bereiche.
Normativität macht die Gruppe auch daran fest, dass innerhalb der
Szene stets darum gerungen wird, was als richtige Politik gilt. Dass sie
sich selbst inzwischen nicht mehr an die Regeln halten, führt dazu, dass
ihnen abgesprochen wird politisch zu sein. Solchen Vorwürfen entgeg-
nen sie, dass die Politik der Szene keinen Anspruch auf Allgemeingültig-
keit erheben kann: »Das ist vielleicht auch eine Form linke Politik zu
machen […] aber das ist nicht DIE linke Politik«.
Die Gruppe vertritt infolgedessen einen Politikbegriff, den sie dem
als geschlossen empfundenen Politikbegriff der Szene gegenüberstellt.
Der Politikbegriff dieser Gruppe zeichnet sich vor allem dadurch aus,
dass er starkes Gewicht auf kulturelle und symbolische Widerstandsarten
legt. Der Widerstand gegen diesen Normierungsdruck richtet sich nach
innen an die Szene selbst. Die Teilnehmerinnen der Gruppendiskussion
äußern jedoch auch ihre Irritation und Verunsicherung, die das Aufkün-
digen des Bundes mit der Szene in ihnen auslöst: »Also wie kann man
——————

1 Alle Zitate sind zur besseren Lesbarkeit bereinigt.

sich jetzt überhaupt noch organisieren natürlich auch feministisch oder
postfeministisch, auf jeden Fall vor so einem Hintergrund. Wie kann
man das? Lebt man das dann nur noch im Alltag?«
Eine Konsequenz der Distanzierung von der Szene ist der Verlust
des Kollektivs und somit auch der internen Stabilität und der Orientie-
rungshilfe. Die Fragen sind schließlich erstens welche Möglichkeit der
Organisation besteht, wenn gegen diese Art der Szene widerständig
agiert wird und trotzdem der Wunsch nach Widerstand gegen die Gesell-
schaft besteht und zweitens wie Widerstand funktionieren kann, wenn
Normativität und damit das Wissen um das Richtige abgelehnt wird. Es
scheint ihnen weniger fraglich, ob Widerstand dann überhaupt noch
denkbar ist, sondern vielmehr wie er denkbar ist. Trotz der radikalen
Ablehnung von Normativität räumt die Gruppe ein, dass sie sich nicht
außerhalb von Normativität bewegen kann, wenn sie politisch aktiv ist.
Die Aktivistinnen stellen sich infolgedessen die Frage, wie sie Normati-
vität selbst zum Thema machen können. Sie erwarten von sich, immer
wieder zu hinterfragen, ob und in welcher Form und mit welchen Kon-
sequenzen sie sich normativ äußern. Dem Anspruch nach geht es ihnen
dabei um ein transparentes und reflektiertes Einsetzen von Normativität.
Diese Position bezeichnen sie als postfeministisch.
Normativität wird im postfeministischen Widerstand als grundlegen-
des Muster von Macht verstanden, das als ursächliche Bedingung für
widerständiges Handeln genannt wird. Damit ist auch der Einsatz kon-
kreter politischer Praktiken verbunden, die weiter unten erläutert werden.
2.2 Zuschreibung und queer-feministischer Widerstand
Mit Zuschreibung benennt eine zweite Gruppe, die als queere Band
bekannt ist, vor allem gesellschaftliche Prozesse der identitären Anru-
fung. Zuschreibung umfasst ihren Erläuterungen zufolge Prozesse der
Bezeichnung von Personen – zum Beispiel als Mann oder Frau, Lesbe
oder Migrantin. Nach dieser Betrachtungsweise ist Identität ein Effekt
von Zuschreibungsprozessen. Damit widerspricht die Gruppe der Vor-
stellung von Natürlichkeit als Grundlage von Identität. Zweigeschlecht-
lichkeit und Heterosexualität gelten als machtvolle Bezeichnungspraxen,

die mit identitären Festlegungen einhergehen. Diese Festlegungen sind
durch Normierungen geprägt, die definieren, innerhalb welchen Spek-
trums an Verhaltensweisen sich die Person bewegen darf. Diese Zu-
schreibungen sind sozialer Herkunft und deshalb ihrer Meinung nach
auch potentiell veränderbar. Jedoch wirken sie als natürlich und normal,
denn sie werden in der Regel nicht als Normen erkannt und machen es
somit für die Einzelnen schwer, unterschiedliche und abweichende Le-
bensformen, Liebeskonzepte und Identitäten zu leben.
Auf die Nachfrage, was für sie Geschlecht ist, wird leicht amüsiert
und knapp geantwortet: »Das Gegenteil von Gegut«. Trotz und gerade
wegen dieser zunächst ironischen Antwort wird deutlich, wie ernst sie
den Zwang zur Geschlechtlichkeit nehmen. Sie führen aus, dass die
Kategorisierung durch Geschlecht mit einer hierarchischen Zweiteilung
des Unterscheidens verbunden ist. Männlich wird von weiblich unter-
schieden und gesellschaftliche Machtpositionen und Hierarchien werden
an das männliche Geschlecht gebunden. Diese Zweiteilung ist mit For-
men der Subjektivierung und Normierung verbunden und wird – so wird
erläutert – durch Sozialisationsprozesse wie geschlechtsspezifisches
Spielen und das Erlernen von geschlechtstypischer Körpersprache ver-
mittelt. Sie gehen davon aus, dass in solchen Prozessen Frauen keine
Formen von Maskulinität zugestanden werden. Die Gruppe lehnt die
binäre Konstruktion von Geschlecht ab und verweist darauf, dass für
einzelne Bandmitglieder diese Zweiteilung zudem subjektiv »nicht passt«,
sondern diese sich selbst als Transgender-Personen definieren. Die
Zweiteilung bezeichnen sie als Denksystem unserer Gesellschaft und
gehen davon aus, dass sie als natürlich erscheint und sich ständig selbst
reproduziert.
Zuschreibung ist also die Bedingung ihres Widerstandes, den sie als
queer-feministisch bezeichnen. Zuschreibungsprozesse sind die zentralen
Auslöser für widerständige Aktionen. Die Verwendung des Begriffs
Gegut als Kontrast zu Geschlecht lässt auch bereits ihre politische Stra-
tegie der Ironie erkennen, die weiter unten erläutert wird.

2.3 Wirkmächtigkeit und linksradikaler feministischer Widerstand
Die mächtigen und schwer veränderbaren Auswirkungen des Ge-
schlechterdualismus, also dessen Wirkmächtigkeit, spielen für die dritte
Gruppe die zentrale Rolle in ihrer Auseinandersetzung mit dem eigenen
Selbstverständnis. Sie nehmen auch die Wirkung von aktivistischen
Strategien kritisch in den Blick und fragen sich, welche möglicherweise
kontraproduktive Wirkung sie auf Betrachtende haben können. Diese
Gruppe hat entsprechend ein besonderes Augenmerk auf die strukturel-
len gesellschaftlichen Verhältnisse und die Auswirkungen der Zweige-
schlechtlichkeit. Solange Zweigeschlechtlichkeit wirkt und Männer und
Frauen hervorbringt, die in einer hierarchischen Position zueinander
stehen, ist in ihren Augen Widerstand gegen patriarchale Strukturen
nötig. Dafür ist es ihrer Auffassung nach notwendig, Frauen als Gruppe
anzuerkennen und diese zumindest in weiten Teilen zum Ausgangspunkt
ihrer Widerstandsform zu machen:
»Also dass wir nach wie vor zum Beispiel hier schon alle Frauenräume für unbedingt
notwendig halten, weil sich das Patriarchat nicht verändert hat. Also im Sinne von:
Gewaltverhältnisse, die nach wie vor herrschen. Und wir denken, dass wir die brau-
chen und das natürlich aber dann in Bezug auf Frauen per Geschlecht, es also nach
wie vor an dieser Zweigeschlechtlichkeit festhält, was wir aber in der Theorie nicht
wollen.«
An diesem Zitat wird deutlich, dass sie sich hier einem unausweichlichen
Paradoxon gegenüberstehend sehen. Die Kritik an der Gewaltförmigkeit
von Kategorien wie etwa der Kategorie Frau teilen sie, aber dennoch
halten sie es für notwendig an den spezifischen historischen Materialisie-
rungen von Geschlechtlichkeit anzusetzen, um dieser immanenten Hie-
rarchisierung begegnen zu können. Infolgedessen beschäftigen sie sich
mit der Frage, inwiefern Widerstandsstrategien Gefahr laufen können,
erneut die Wirkmächtigkeit des Geschlechterdualismus abzusichern.
Wenn etwa mit Strategien der Überzeichnung versucht wird, Geschlecht
als inszeniert und konstruiert zu entlarven, kann ihrer Meinung nach
auch das Gegenteil eintreten – nämlich dann, wenn die Überzeichnung
nicht als solche verstanden wird.
Den Widerstand gegen die Wirkmächtigkeit des Geschlechterdualis-
mus nennen sie Linksradikalen Feminismus. Dieser ist geprägt von dem

Kampf gegen strukturelle gesellschaftliche Bedingungen. Wirkmächtig-
keit zielt als Begriff darauf, dass dieser Gruppe zufolge die kulturell her-
vorgebrachte Zweigeschlechtlichkeit hochgradig wirksam ist, indem sie
sich in strukturellen Ungleichheiten niederschlägt und verfestigt.
3. Komplexe Macht- und Herrschaftsformationen
Wirkmächtige Geschlechterdualismen zeigen sich also – ebenso wie
Normativität und Zuschreibung – als Macht- und Herrschaftsformatio-
nen. Alle drei Gruppen thematisieren diese drei Facetten, jedoch mit
unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen. Zusammengenommen bilden
die drei Angriffsziele ein komplexes Bild dessen, was die untersuchte
Szene als Macht und Herrschaft versteht und gleichzeitig spiegelt. Es
wird sichtbar, welche konkreten Unterordnungsverhältnisse von der
Szene als relevant eingeschätzt werden. Foucault weist darauf hin, dass
die Analyse von Widerstand auch dazu beitragen kann, überhaupt zu
erkennen, welche Machtverhältnisse existieren (Foucault 1987: 245).
Dafür ist es notwendig, alle drei von der untersuchten Szene formulier-
ten Angriffsziele zusammenzuführen und dadurch zu einem Verständnis
davon zu gelangen, welche spezifische Macht- und Herrschaftskonfigu-
ration mit welchen Mitteln angegriffen wird. Macht- und Herrschafts-
formationen, die zusammen eine spezifische Macht- und Herrschafts-
konfiguration bilden, werden – wie im Folgenden sichtbar wird – durch
Individuen, Gruppen, Diskurse und Systeme artikuliert, hervorgerufen
und stabilisiert.
Normativität ist eine von der Szene thematisierte Macht- und Herr-
schaftsformation. Sie wird zum Beispiel durch die Mittel des Ausschlus-
ses, der Homogenisierung sowie der Definition von Wahrheiten ausge-
übt. Davon ist auch eine sich als kritisch verstehende Szene nicht frei,
was auf die Unmöglichkeit verweist, sich außerhalb der herrschenden
Verhältnisse zu positionieren. Der Begriff Normativität umfasst also
auch Mittel, die sich in klaren politischen Forderungen mit Wahrheitsan-
sprüchen ausdrücken. Normativität wird nicht notwendigerweise be-
wusst eingesetzt, sondern wird zumeist als ungewollter Nebeneffekt

produziert. Doch auch ungewollte Normativität kann eine sehr hohe
Intensität erreichen, wenn zum Beispiel innerhalb feministischer Szenen
reguliert wird, um deutlich zu machen, was unter der Bezeichnung femi-
nistisch verstanden werden soll und wie sich die Einzelnen dabei jeweils
zu verhalten und zu organisieren haben. Wenn Normativität bewusst
eingesetzt wird, kann das allerdings auch positiv eingeschätzt werden.
Das ist dann der Fall, wenn beispielsweise das Vertreten konkreter politi-
scher Inhalte, wie etwa die Verteidigung von Frauenräumen, als wichtiger
Teil der eigenen Widerstandsform angesehen wird. Ebenso wird einge-
räumt, dass Widerstand möglicherweise nicht ohne Normativität funk-
tionieren kann, weil im widerständigen Verhalten stets politische Positi-
onen eingenommen werden, die als besser oder richtiger erscheinen.
Normativität wird insofern zum einen durch konkrete einzelne Indivi-
duen und Gruppen, jedoch auch durch eher unpersönlich wirkende
normative, Wahrheit produzierende Diskurse eingesetzt.
Prozesse der Zuschreibung werden durch Sozialisation oder allge-
meiner durch Erfahrung vermittelt und auch verinnerlicht. Die Ebenen,
auf denen solche Zuschreibungen greifen, sind neben der Geschlechts-
identität auch sexuelle Begehrensformen. In allen drei Gruppen werden
darüber hinaus auch Zuschreibungsprozesse entlang der Kategorie Na-
tionalität/Ethnie thematisiert. Mit Zuschreibungsprozessen sind vor
allem identitäre Anrufungen als ein auf bestimmte Art und Weise positi-
oniertes Subjekt gemeint. In dieser Perspektive erscheint das exklusive
und lebenslange Eingeordnet-Werden in das System der heterosexuellen
Zweigeschlechtlichkeit als ein Prozess, der nicht in erster Linie vom
Subjekt selbst vorgenommen wird und in dessen Wesenhaftigkeit be-
gründet liegt. Vielmehr wird dieser Prozess machtvoll durch den hege-
monialen heterosexuellen zweigeschlechtlichen Diskurs durchgesetzt.
Innerhalb dieses Diskurses agieren Systeme und Individuen, die an dem
Prozess der Zuschreibung durch Anrufungen beteiligt sind und dies
durch Wiederholungen zitieren und kräftigen.
Durch das Aufsuchen von subkulturellen Nischen wird versucht, sich
der Allgegenwärtigkeit heteronormativer Diskurse zu entziehen. Dabei
wird der Fokus stärker auf diejenigen Individuen gerichtet, die sich in-
nerhalb dieser Nischen aufhalten und als aktive UnterstützerInnen des
Diskurses eingeschätzt werden. In diesem Fall kann Zuschreibung als

partial erlebt werden, wenn beispielsweise im Autonomen Zentrum
Gruppe A Transgender anerkennt, also von deren Existenz selbstver-
ständlich ausgeht, Gruppe B dies jedoch nicht tut. In solchen Konstella-
tionen variiert auch die Wahrnehmung der Intensität von Zuschrei-
bungsprozessen. Sie wird vor allem von denjenigen als niedrig eingestuft,
die sich relativ problemlos in das System der Zweigeschlechtlichkeit
einordnen können.
Die Wirkungsweisen von Zuschreibungen werden überwiegend als
repressiv eingeschätzt. Die produktive Seite von Zuschreibungsprozes-
sen, nämlich die Seite des Zum-Subjekt-Werdens durch die Einordnung
in sozial sinnhafte Seinsformen, wird weniger thematisiert. Dieser Aspekt
taucht aber trotzdem an solchen Stellen auf, an denen beispielsweise die
zuvor verweigerte und dann durch das Kürzen der Haare plötzlich erfah-
rene Anerkennung als Lesbe angesprochen wird.
Der Bedeutungsrahmen von Wirkmächtigkeit des Geschlechterdua-
lismus umfasst in erster Linie strukturelle Auswirkungen von hetero-
sexuell verfasster Zweigeschlechtlichkeit. Die Wirkmächtigkeit eines
Diskurses zeigt sich in der Verfestigung innerhalb von Systemen wie
geschlechtlich segregierten Arbeitsmärkten oder Gewaltverhältnissen. In
dem Fall greifen Individuen, Gruppen, Systeme und Diskurse ineinander
und scheinen nicht mehr unterscheidbar zu sein. Durch Unterdrückung
und Diskriminierung werden diese Strukturen wirkmächtig aufrechter-
halten. Durch sie werden heterosexuelle Zweigeschlechtlichkeit und
rassistische Normierungen (gewaltvoll) abgestützt und permanent wie-
derholt. Das Ausmaß erscheint somit meist allgegenwärtig. Je nach auf-
gesuchtem Raum, etwa der subkulturellen Nische, kann die Intensität der
Wirkmächtigkeit von Kategorien wie Geschlecht oder Nationalität/
Ethnie zumindest für eine Weile abgeschwächt werden. Trotzdem wird
davon ausgegangen, dass ihr nicht ausgewichen werden kann.
Das Zusammenspiel dieser drei Macht- und Herrschaftsformationen
bildet also die spezifische Macht- und Herrschaftskonfiguration, die
diese Szene durch ihre Widerstandsformen angreift und spiegelt. Sie
besteht aus drei zentralen Elementen: erstens normativen Wahrheitsan-
sprüchen, zweitens identitären Prozessen der Subjektivierung und drit-
tens verfestigten strukturellen Ungleichheitsverhältnissen. Diese drei

Formationen treten in der Regel gemeinsam und gleichzeitig in Erschei-
nung oder bedingen sich sogar.
4. Komplexer Widerstand
Gegen diesen Machtkomplex setzen die drei Gruppen eine ganze Reihe
von Aktionen ein. Mit Radiosendungen, radical cheerleading, Bühnenper-
formances oder Straßentheater wird dem Widerstand Ausdruck verlie-
hen. Damit sind bestimmte Strategien verbunden, die die jeweilige Ziel-
richtung des Widerstandes deutlich werden lassen. Diese Ziele sind ne-
ben der Verteidigung freier Räume oder der Aufklärung auch Provoka-
tion, Sichtbarmachung und Bedeutungsverschiebung. Die Angriffsziele
umfassen also die verschiedensten Ebenen von gesellschaftlichen Pro-
zessen: Die Kritik an Prozessen der Anrufung als geschlechtliches Sub-
jekt genauso wie die Verteidigung von Frauenhäusern.
Insgesamt lassen sich vor allem drei Widerstandsarten unterscheiden:
Einige der eingesetzten Aktionen können als Interventionen auf der
symbolischen Ebene der Repräsentation bezeichnet werden und dienen
vor allem der Bedeutungsverschiebung und der Vervielfältigung. Hierzu
gehören Mittel wie Bühnenperformances, pink & silver Demonstrationen
und radical cheerleading. Pink & silver ist eine neuere Form des so genann-
ten Schwarzen Blocks. Hierfür kleiden sich alle Teilnehmenden meist
schillernd in Silber und Pink und tragen dazu beispielsweise Boas und
Stöckelschuhe. Auf diese Weise wird versucht Grenzen zu überschreiten:
Polizeibarrieren genauso wie Geschlechtergrenzen. Kombiniert wird
diese Aktion meist mit radical cheerleading. Dabei werden als ironische
Persiflage und als Ermächtigung und Verschiebung traditioneller Frau-
enbilder die Tanzformen des amerikanischen cheerleadings beibehalten,
jedoch gleichzeitig politische Parolen gebrüllt. Diese Aktionen werden
insbesondere von den Gruppen mit postfeministischem und queer-femi-
nistischem Selbstverständnis bevorzugt.
Neben diesen Strategien werden Mittel zur Skandalisierung und
Sichtbarmachung eingesetzt. Das geschieht auf zwei Ebenen: Zum einen
wird versucht, Grenzen der Lebbarkeit sichtbar zu machen und zu skan-

dalisieren. Dies wird vor allem von der queer-feministischen Gruppe
beispielsweise durch Straßentheater oder dem Organisieren von queeren
Musikkonzerten verfolgt. Zum anderen dient die Sichtbarmachung und
Skandalisierung auch dem Aufzeigen und Angreifen von gesellschaftli-
chen Missverhältnissen. Dies wird auch von den linksradikalen Feminis-
tinnen zum Beispiel durch Flugblätter und politische Veranstaltungen
eingesetzt.
Die dritte Gruppe der eingesetzten Aktionen lässt sich mit Informa-
tion und Aufklärung beschreiben und wird vor allem von der Gruppe
der linksradikalen Feministinnen favorisiert. Hiermit ist zum Beispiel das
Schreiben von informativen und aufklärenden Flugblättern, das Gestal-
ten von Radiosendungen oder das Veranstalten von Vorträgen gemeint.
Die jeweilige Widerstandsart ist durch verschiedene Ressourcen ge-
prägt und aus verschiedenen biografischen Erfahrungen und innerfemi-
nistischen Kämpfen hervorgegangen. Kollektivität ist beispielsweise im
Einzelnen hochgradig umstritten, für viele Aktionen jedoch unerlässlich.
Es geht hier allerdings nicht um eine Kollektivität qua Geschlecht oder
Begehren, sondern um strategische, temporäre und spontane kollektive
Formationen.
Den herausgearbeiteten Widerstandsformen Postfeminismus, Queer-
Feminismus und Linksradikaler Feminismus lassen sich also bestimmte
Widerstandsarten zuordnen. Es ist dabei keineswegs so, dass jede Dis-
kussionsgruppe, also die konkret handelnden Personen, sich auf eine
Widerstandsart beschränken würde. Sie setzen vielmehr verschiedene
Mittel ein, wobei ihre Präferenz, Begeisterung und auch die erhofften
Wirkungen verschieden sind. Alle drei Gruppen verbinden die drei Arten
und Formen des Widerstandes, jedoch in sehr unterschiedlichem Aus-
maß.
Widerstand erscheint in der Zusammenschau der drei Gruppen als
ein sehr facettenreiches Phänomen, das nicht immer eines gezielten
Einsatzes bedarf, sondern auch unbewusst durch alltägliches Handeln
entstehen kann. Widerstand kann ausgeübt werden mit konkreten parti-
alen Interessen und Motivationen, findet aber auch im alltäglichen Um-
gang statt, z.B. im Überschreiten von Grenzen der Lebbarkeit. Wider-
stand erscheint allgegenwärtig, wenn beispielsweise die widerständige
Person sich grundlegend im Widerstreit mit strukturellen gesellschaftli-

chen Bedingungen befindet und somit das Einmischen in alltäglichen
Situationen, wie z.B. in rassistische oder homophobe Gespräche an Su-
permarktkassen als genauso widerständig einordnet wie die Teilnahme an
einer Demonstration.
Dabei stellt sich immer die Frage, welche Wirkung widerständiges
Verhalten auf einzelne Personen und auf gesellschaftliche Prozesse hat.
Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch die Frage nach der Sichtbar-
keit, denn – so wird befürchtet – wenn eine widerständige Handlung für
Betrachtende nicht lesbar ist, ist sie möglicherweise wirkungslos.
Die Orte, an denen Widerstand stattfinden kann, sind ebenso vielfäl-
tig wie der Widerstand selbst: Im privaten Raum, in der Öffentlichkeit, in
der Subkultur, in der linken Szene und auch in der feministischen Szene
wird widerständiges Verhalten eingesetzt. Besonders interessant sind hier
diejenigen Erscheinungsorte, die auf den ersten Blick von Gleichgesinn-
ten aufgesucht werden. Dabei wird deutlich, dass die Gruppen ihre spe-
zifische Form des Widerstandes nicht nur nach außen richten, sondern
sich auch in einem Kampf um Hegemonie innerhalb der eigenen Szene
befinden.
Der komplexe Bedeutungsrahmen von Widerstand kursiert innerhalb
der Szene und sorgt an manchen Stellen für Konflikte. Solche entstehen
immer dann, wenn zum Beispiel die jeweilige Sichtbarkeit und Wirksam-
keit von Mitteln verschieden eingeschätzt werden oder verschiedene und
möglicherweise auch konkurrierende Ziele verfolgt werden.
5. Gleichzeitigkeiten
Mit den drei herausgearbeiteten Widerstandsformen postfeministischer
Widerstand, queer-feministischer Widerstand und linksradikaler feminis-
tischer Widerstand wurde eine Verengung dessen vorgenommen, was in
den Gruppendiskussionen jeweils insgesamt thematisiert wurde, um ein
jeweils deutliches Profil einer Widerstandsform zu erhalten. Interessant
ist hierbei, dass die Gruppen und Gruppenmitglieder auch als Grenzgän-
gerinnen zwischen den Widerstandsformen aktiv oder zumindest be-
geisterungsfähig sind. Zwar haben sie eine favorisierte Widerstandsform

für sich gefunden, aber sie bleiben in einer kritischen Auseinanderset-
zung, im Austausch oder in Abgrenzung zu den beiden anderen Wider-
standsformen. Diese drei idealtypisch, analytisch getrennten Formen
befinden sich in einem Kampf um Hegemonie. Doch es wird nicht nur
um Hegemonie gekämpft, sondern vor allem wird gemeinsam Politik
gemacht. Dies geschieht auf mehreren Ebenen: Erstens führt der inhalt-
liche Austausch zu permanenten Reflexionen und Präzisierungen der
eigenen Positionen. Zweitens gehen alle drei Gruppen Bündnisse mitein-
ander ein, wenn sie zum Beispiel an den gleichen Demonstrationen teil-
nehmen. Dabei ist es unerheblich, ob die eine Gruppe eine radical cheer-
leading Performance aufführt, eine andere als Band auftritt und eine wei-
tere Flugblätter verteilt. Die Szene als Ganzes zeigt eine große Vielfalt.
Sie ist vielseitig aktiv und schafft es somit, zwar nicht in Personalunion,
aber trotzdem als Bewegung, an mehreren Fronten gleichzeitig zu kämp-
fen. Das Ringen um Definitionsmacht untereinander kann insofern auch
als besondere Qualität dieser Szene gelesen werden, weil hier versucht
wird, die verschiedenen Haltungen zu begreifen. Dass dabei auch ver-
schiedene Ergebnisse herauskommen, unterstreicht die Kontextgebun-
denheit von Wahrheitsansprüchen in der politischen Praxis, die ebenso
in der theoretischen Debatte deutlich wird.
Vor allem in der Gleichzeitigkeit des Auftretens der Anlässe für wi-
derständige Aktionen, also Normativität, Zuschreibung und Wirkmäch-
tigkeit, zeigt sich, dass diese drei Angriffsziele miteinander verwoben
sind, voneinander abhängen und sich gegenseitig abstützen. Sie gehen
mit verschiedenen, gleichzeitig existierenden feministischen Selbstver-
ständnissen einher und bringen drei Arten widerständigen Handelns
hervor, die ein Ensemble jeweils spezifischer Praktiken bilden. Es ist also
besonders interessant, die analytisch getrennten Widerstandsformen und
die damit einhergehenden Widerstandsarten als ein gemeinsames Wider-
standskonzept der gesamten Szene zu verstehen.

6. Schluss
Es konnte gezeigt werden, dass innerhalb der Szene differente Prämissen
und politische Haltungen existieren, die in permanenter Auseinanderset-
zung mit denen anderer Gruppen stehen. Das hat auf zwei Ebenen zent-
rale Bedeutung: Erstens werden durch die verschiedenen Angriffsziele
der einzelnen Gruppen innerhalb einer Szene gleichzeitig verschiedene
Macht- und Herrschaftsformationen angegriffen. Zweitens ist das Ver-
treten verschiedener Angriffsziele konflikthaft, konkurrent und unent-
scheidbar und erfordert deshalb eine permanente selbstreflexive Ausei-
nandersetzung mit den eigenen politischen Zielen und Idealen.
So kann die Gleichzeitigkeit verschiedener post-/queer-/linksradikal-
feministischer Positionen als Spiegel komplexer Macht- und Herrschafts-
formationen verstanden werden. Es muss also davon ausgegangen wer-
den, dass Macht- und Herrschaftsverhältnisse keinen monolithischen
Block bilden, sondern dass sie vielmehr als historisch spezifische Macht-
und Herrschaftskonfiguration wirken, die ein Konglomerat aus symboli-
schen und strukturellen Effekten bildet. Um diese Konfigurationen
erfassen zu können, kann eine partial und temporär verbindende Per-
spektive anstelle einer polarisiert geführten Auseinandersetzung hilfreich
sein.
Es zeigt sich, dass ähnlich wie innerhalb der Theoriedebatten zum
einen gegen strukturelle Ungleichheit und zum anderen gegen symboli-
sche Normalisierungen angekämpft wird. Die nebeneinander existieren-
den Strategien zeigen zum einen den Kampf um Hegemonie innerhalb
der untersuchten Szene, zum anderen aber auch, welche konkreten Un-
terordnungsverhältnisse von der Szene als relevant eingeschätzt werden.
Diese werden durch die verschiedenen Widerstandsformen gespiegelt.
Mit Postfeminismus, Queer-Feminismus und Linksradikalem Feminis-
mus versuchen die drei Gruppen der als eingrenzend empfundenen
Normalisierungs- und Subjektivierungsmacht wie auch struktureller
Macht in einer Mehrfachstrategie neue Entwürfe entgegenzustellen.
Diese Strategie ist jedoch nicht als Form eines Konsenses zu verstehen,
in dem sich alle drei widerstreitenden Selbstverständnisse wieder finden
könnten. Sie muss vielmehr als Fotografie eines Moments innerhalb
eines sich permanent erneuernden Konfliktes verstanden werden.

Der Konflikt wird von den einzelnen Personen oder Gruppen inner-
halb einer Szene nicht gelöst, jedoch ist die Szene genau wegen dieses
Konfliktes in der Lage, der Gleichzeitigkeit widersprüchlicher Macht-
formationen zu begegnen. Denn der Konflikt verweist darauf, dass kein
Konzept formuliert werden kann, das universal für alle drei Gruppen
gelten würde. Die widerstreitenden Positionen zeigen hingegen auf je-
weils verschiedene Machtformen, die gleichzeitig angegriffen werden. So
gelingt es der untersuchten Szene die Ebenen der symbolischen und der
strukturellen Ungleichheit durch den Einsatz dreier verschiedener For-
men von Interventionsarten miteinander zu verbinden: Erstens Inter-
ventionen auf der Ebene der Repräsentation, zweitens Intervention
durch Skandalisierung und Sichtbarmachung und drittens Interventionen
durch Information und Aufklärung. Erstere werden vor allem zum
Zwecke der Bedeutungsverschiebung und der Vervielfältigung von
›Normalität‹ und ›Natürlichkeit‹ eingesetzt, um die Grenzen der hetero-
sexuell verfassten Zweigeschlechtlichkeit anzugreifen; die zweite Inter-
ventionsebene, um Ungleichheit und marginalisierte Lebensformen zu
skandalisieren und dadurch sichtbar zu machen und die dritte, um Miss-
verhältnisse zu thematisieren und gesellschaftliche Rahmenbedingungen
zu kritisieren.
Die verschiedenen, auf bestimmte Machtformationen gerichteten
Strategien erzeugen im Gesamtbild paradoxe Effekte, denn was die eine
Gruppe bekämpft, ist für die andere Gruppe eine notwendige Vorausset-
zung ihrer Politik. Die dadurch bedingte Konflikthaftigkeit hat eine
permanente Auseinandersetzung mit den immer notwendigen Grenzen
von Gleichheit und Gerechtigkeit zur Folge, die durch die verschiedenen
Konzeptionen von Widerstand sichtbar werden. Jede Form des Wider-
standes erzeugt durch die Fixierung Ausschlüsse und muss genau des-
halb stets umkämpft bleiben. Die Differenzen zwischen den Gruppen
brauchen innerhalb der Szene ihren Platz. Es kann nicht darum gehen,
Konsense zu erzwingen, sondern vielmehr ist der konflikthafte Charak-
ter der Auseinandersetzungen die Möglichkeit, plurale und unentscheid-
bare Werte zu verhandeln, zu schärfen und zu präzisieren. In dieser
Perspektive wird der Kampf um Bedeutungen nicht zu einem Phäno-
men, das konsensuell gelöst werden sollte, sondern vielmehr drückt er
die Anerkennung der Unlösbarkeit von Bedeutungskämpfen aus.

Literatur
Amann, Marc (2005): radical cheerleading. Akrobatik und subversives Reimen.
In: Amann, Marc (Hg.): go.stop.act! Die Kunst des kreativen Straßenpro-
tests. Geschichten – Aktionen – Ideen. Grafenau, Frankfurt am Main, 137-
140.
autonome a.f.r.i.k.a gruppe; Blissett, Luther; Brünzels, Sonja (2001): Handbuch
der Kommunikationsguerilla. Berlin.
Baldauf, Anette; Weingartner, Katharina (1998): Lips. Tits. Hits. Power? Pop-
kultur und Feminismus. Wien, Bozen.
Becker- Schmidt, Regina (1998): Zum feministischen Umgang mit Dichotomien.
In: Knapp, Gudrun-Axeli (Hg.): Kurskorrekturen. Feminismus zwischen
Kritischer Theorie und Postmoderne. Frankfurt am Main, 84-152.
Bohnsack, Ralf (2000): Gruppendiskussion. In: Flick, Uwe; Kardorff, Ernst von;
Steinke, Ines (Hg.): Qualitative Forschung. Ein Handbuch. Reinbeck bei
Hamburg, 369-384.
Bohnsack, Ralf (2003): Dokumentarische Methode. In: Bohnsack, Ralf; Ma-
rotzki, Winfried; Meuser, Michael (Hg.) (2003): Hauptbegriffe Qualitativer
Sozialforschung. Ein Wörterbuch. Opladen, 40-44.
Bohnsack, Ralf; Nentwig-Gesemann, Iris; Nohl, Arnd-Michael (Hg.) (2001): Die
dokumentarische Methode und ihre Forschungspraxis. Grundlagen qualitati-
ver Sozialforschung. Opladen.
Butler, Judith (1991): Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt am Main.
Butler, Judith (1997): Körper von Gewicht. Frankfurt am Main.
Corbin, Juliet (2003): Grounded Theory. In: Bohnsack, Ralf; Marotzki, Winfried;
Meuser, Michael (Hg.): Hauptbegriffe Qualitativer Sozialforschung. Ein
Wörterbuch. Opladen, 70-75.
Derrida, Jacques (2004): Grammatologie. 9. Aufl., Frankfurt am Main.
Dietze, Gabriele (2003): Allegorien der Heterosexualität. Intersexualität und
Zweigeschlechtlichkeit – eine Herausforderung an die Kategorie Gender? In:
Die Philosophin. Forum für feministische Theorie und Philosophie. The-
menheft: Intersex und Geschlechterstudien, Dezember 2003, Heft 28, 9-35.
Foucault, Michel (1987): Das Subjekt und die Macht. In: Dreyfus, Hubert L.;
Rabinow, Paul: Michel Foucault. Jenseits von Strukturalismus und Her-
meneutik. Frankfurt am Main, 241-261.
Foucault, Michel (1998): Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit I. 10.
Aufl., Frankfurt am Main.
Fraser, Nancy (1993): Falsche Gegensätze. In: Benhabib, Sheila; Butler, Judith;
Cornell, Drucilla; Fraser, Nancy: Der Streit um Differenz. Feminismus und
Postmoderne in der Gegenwart. Frankfurt am Main, 59-79.
Gottlieb, Joanne; Wald, Gayle (1995): Smells Like Teen Spirit. Riot Grrrls, Re-
volution und Frauen im Independent Rock. In: Eichhorn, Cornelia; Grimm,
Sabine (Hg.): Gender Killer. Texte zu Feminismus und Politik. Berlin,
Amsterdam, 167-189.
189
Groß, Melanie (2003): Von riot grrrls, Cyberfeminismus und Kommunikations-
guerilla – Postfeministische Strategien. In: Widersprüche. Zeitschrift für so-
zialistische Politik im Bildungs-, Gesundheits- und Sozialbereich. Heft 87,
81-91.
Groß, Melanie (2006): »All genders welcome« – Ladyfeste im Netz. In: Tillmann,
Angela; Vollbrecht, Ralf (Hg.): Abenteuer Cyberspace. Jugendliche in virtu-
ellen Welten. Berlin, 77-87.
Holland-Cunz, Barbara (2003): Die alte neue Frauenfrage. Frankfurt am Main.
Kailer, Katja; Bierbaum, Anja (2002): Girlism. Feminismus zwischen Subversion
und Ausverkauf. Berlin.
Niekant, Renate; Schuchmann, Uta (Hg.) (2003): Feministische ErkenntnisPro-
zesse. Zwischen Wissenschaftspraxis und politischer Praxis. Opladen.
Plößer, Melanie (2005): Dekonstruktion ~ Feminismus ~ Pädagogik. Vermitt-
lungsansätze zwischen Theorie und Praxis. Königstein im Taunus
Strauss, Anselm L. (1991): Grundlagen qualitativer Sozialforschung. Datenana-
lyse und Theoriebildung in der empirischen soziologischen Forschung. Mün-
chen.
Strauss, Anselm; Corbin, Juliet (1996): Grounded Theory: Grundlagen Qualitati-
ver Sozialforschung. Weinheim.
Weber, Jutta (2001): Ironie, Erotik und Techno-Politik: Cyberfeminismus als
Virus in der neuen Weltunordnung? Eine Einführung. In: Die Philosophin.
Forum für feministische Theorie und Philosophie, Heft 24, 81-97.