Wie die nase eines mannes, so seine menstruation
Zur geschlechterkonstruktion in antisemitischen diskursen
borderline

Während die wechselseitige verschränkung von sexismus und rassismus in der linken breit diskutiert wird, spielen die kategorien sexualität und geschlecht in der analyse und kritik des antisemitismus kaum eine rolle. Der nachfolgende text fertigt eine überblicksartige zeichnung der dominantesten sexuellen bilder und geschlechterkonstruktionen an, die der antisemitische dikurs in seiner geschichte produziert hat. Des antisemiten walser letzter haufen ”tod eines juden” soll dabei gleichzeitig anlass und beleg für die aktualität dieser nicht sterben wollenden stereotype sein. (die red.)

An “dem juden” ist nichts echt. Fast nichts. Ehrl-könig – die hauptfigur aus walsers letztem roman “tod eines kritikers” – ist zwar der mächtigste literaturkritiker aller zeiten, versteht von deutscher literatur aber kaum etwas. Weder sein wissen, noch seine intellektuelle kompetenz, weder sein sprachwitz, noch sein beeindruckendes gedächtnis sind authentisch. Er verfügt lediglich über ein repertoire von zwölf bis fünfzehn sätzen […]. Dazu noch fünfzehn bis achtzehn zitate.”(74)[1] selbst seine witze stammen nicht von ihm.

Ehrl-könig ist eine retorte, ein künstliches produkt von medien und mächtigen freunden, die mehr als bloß unterstützer, eher produzenten im eigentlichen sinne, erfinder ehrl-königs sind. Von ihrem wichtigsten heißt es, “er hätte seine ehrl-könig-erfindung beim deutschen patentamt drüben anmelden können” (64). Ohne ihn, ohne die kreativität dieses vermutlich nichtjüdischen deutschen, wäre ehrl-könig “weniger als ein schemen” (66).

Noch die bösartigen gerüchte, die sich um die jüdischen eltern ehrl-königs ranken, hat jener erfolglose deutsche lyriker, von dem sich ehrl-könig undankbar abwenden wird, geschaffen – “allerdings im auftrag ehrl-könig” (66).

Der inhalt der leere

Ehrl-könig ist also eine leere hülle, eine bloße form, die nicht aus sich selbst heraus existieren kann, sondern auf die ausbeutung der kreativität anderer angewiesen ist. Er ist lediglich wiederholung, imitation – seiner selbst. Und noch diese fähigkeit stammt nicht von ihm. Sein deutscher think-tank hat “ehrl-königs aussprache gewisser wörter solange mit ihm geübt, bis dadurch eine ehrl-könig-kenntlichkeit erreicht war. Dadurch wurde ehrl-könig von jedem imitierbar, und nichts macht populärer als imitierbarkeit.”(73) damit ist der konnex hergestellt. Das ziel, dem jegliches besondere, eigene geopfert werden muss ist popularität und damit – da es sich hier um den kulturbetrieb handelt – macht. Ehrl-könig will macht, aber er wird sie nie bekommen, wird sie nie so haben, wie ein beliebig anderer macht haben kann. Denn um macht zu haben, müsste er etwas von ihr verschiedenes sein, er müsste ein von jener verschiedenes wesen sein. Das aber ist er nicht. Er ist vielmehr identisch mit der macht: “er war die macht und die macht war er. Und wenn man wissen will, was macht ist, dann schaue man ihn an: etwas zusammengeschraubtes, eine kulissenschieberei, etwas hohles, leeres, das nur durch seine schädlichkeit besteht.“

Im gegensatz zur deutschen schriftstellerin, wissenschaftlerin, unternehmerin, entspringt die macht “der jüdin” nicht aus ihrer persönlichen autorität, aus ihrer kompetenz oder ihren gesellschaftlich anerkannten leistungen. Es nicht der beflissene fleiß, nicht die besondere kreativität, über die ein ehrl-könig nie verfügt hat, die einer “jüdin” zu ruhm und macht verhelfen. All das ist nicht nötig, denn “die jüdin” personifiziert die macht, sie ist die macht. Und die abstrakte, inhaltsleere imitation ist die form, die die macht im kapitalismus angenommen hat. Es ist die form des geldes, des abstrakten werts. Sie ist es, die der moderne antisemitismus als das eigentliche übel des kapitalismus ausmacht, die er im finanzkapital, im zins, der börse, dem geld erkennt und im “juden” personifiziert. Walser scheut sich nicht, das auszusprechen:

“nietzsche hat sich fürchterlich überschätzt, als er verkündete, die umwertung aller werte vollbracht zu haben, bürgerlich befangen, wie er nun einmal war, hat er nicht gemerkt, dass alles so weiterging wie immer! Die umwertung aller werte […], die hat andré ehrl-könig vollbracht […]. Bei diesem epochalen reinemachen ist nur ein wert übriggeblieben als der wert aller werte und außer ihm ist nichts: der unterhaltungswert. Quote, mein lieber. Jeden abend volksabstimmung. Die demokratie des reinen werts. Endlich. Quod licet bovi non licet jovi.” (77)

“der jude” ist die kulturindustrie, die zirkulationssphäre, das geld. Die umwertung aller werte, die alles unter das diktat der verwertbarkeit stellt, keine zivilisatorischen hemmungen kennt auf dem weg der verwirklichung der profitmaximierung, erscheint als das produkt des “mächtigen juden”. Deutsche tiefsinnigkeit, kreativität, aber auch moral und anstand werden diesem ziel geopfert. So erscheinen die zerstörerischen effekte der kapitalistischen warenproduktion, von der marx im kommunistischen manifest gesagt hatte, sie lasse keinen wert bestehen, als produkte der jüdischen macht, die nur durch ihre “schädlichkeit” bestand hat. Ihre besondere bösartigkeit erhält die zitierte passage durch den verweis auf den antimoralisten nietzsche, der zu sehr in bürgerlichen werten befangen, zu zivilisiert war, um dieses von ihm angestrebte werk vollbringen zu können. In der behauptung der jude ehrl-könig habe nun das vollbracht, was dem vordenker der naziideologie nietzsche nicht gelungen sei, wird ein motiv des sekundären antisemitismus an/ausgespielt, das “jüdinnen” mit den nationalsozialistinnen vergleicht, bzw. Sie als noch wesentlich schlimmer darstellt. Nichts gelten zu lassen als den tauschwert, den preis, alle traditionellen, alle moralischen fesseln zu sprengen – das war einem nietzsche nicht gelungen. Das vollbringt erst der “jude” ehrl-könig. Erst er, das heißt auch niemand vorher, niemand zwischen nietzsche und ehrl-könig. Auch nicht, schon gar nicht die nazis.

Der wert des sex, perverser wert

Die abstrakte macht des kapitals, die sich seit der instituierung des kapitalistischen produktionsverhältnisses auszubreiten scheint, gilt dem antisemitischen diskurs als im “juden” personifiziert. Wie der tauschwert den gebrauchswert braucht, ist das geld für seine zirkulationen auf die waren angewiesen, braucht die produktion von mehrwert (profit, zins) die nutzung der arbeitskraft. Die macht des werts ist hohl, leer, bloße form, die nur im beständigen tausch gegen sich selbst bestand hat. In ihren bewegungen bleibt sie sich doch gleich, indifferent gegen ihre konkreten inhalte reduziert sie alles auf quantitäten, quote. Da sie auf die ausbeutung fremder arbeitskraft und kreativität angewiesen ist, existiert sie nur durch ihre “schädlichkeit”. Es ist ein “parasitäres” kapital, das der antisemitische diskurs dem authentischen, echten, dem produktiven und konkreten kontrastiert. Ist der jude also bloß hohle, leere imitation der ewig gleichen form – “weniger als ein schemen”? Hat er kein (un)wesen, ist da also nichts echtes, eigenes, authentisches an ihm?

Doch – die sexualität: “zu ehrl-königs ehre sei übrigens gesagt, dass so ziemlich alles, was von geschlechtsverkehr handelt, nicht von [seinem deutschen freund] stamme, sondern von ihm selbst. Er, [der deutsche lyriker], sei religiös gebunden, ehrl-könig nicht [sic!]. Ehrl-könig sei der freieste mensch gewesen, dem er, […] Begegnet sei. Und als er erlebte, wozu ein wahrhaft freier mensch im stande sei, fand er freiheit nicht mehr desiderabilis.” Diese jüdische sexualität ist zu schmutzig, als dass sie ein nichtjüdischer deutscher sich hätte ausdenken können. Während dieser vom religiösen geleitet, kontrolliert, begrenzt wird, ist die jüdische freiheit als eine freiheit von moralischen beschränkungen, von grenzen des anstands und der scham konzipiert. Freiheit von moralischen werten, freiheit zur perversion. [2][1]

Unbegrenzte begierde, begrenzte potenz

Die konstruktion perverser jüdischer sexualität und damit einhergehend devianter geschlechtlichkeit, zieht sich wie ein zeitwurm durch den christliche antijudaismus über den modernen antisemitismus bis zu heutigen diskursen deutscher vorzeigeschriftsteller und berliner republikintellektueller. Über die jahrhunderte verändern sich die zuschreibungen zwar, lassen sich von irrsten widersprüchen aber nicht beirren[P1] . Gleich bleibt, dass jüdische sexualität in den phantasien der antisemiten, der jüdinnenhasser, die abweichende ist. Jüdische sexualität ist polygam, wenn die norm die monogame ehe ist, sie neigt zur homosexualität, wenn es die heteronormalität zu verteidigen gilt, sie ist überbordend, unstillbar, wenn das ideal enthaltsamkeit, keuschheit, askese heißt. “um die jahrhundertwende waren ‚juden‘ und ‚perverse‘ praktisch austauschbare kategorien.”[3]

Die jüdische begierde scheint keine befriedigung finden zu können. Ihr unstillbarer drang kennt keine moralischen grenzen und wird zur bedrohung für die reinheit der christlichen gemeinde, später der deutschen volksgemeinschaft. Wie die “schejne jüdin” den deutschen mann wehrlos macht, so verleitet der jüdische kuppler zur prostitution, verführt der “lüsterne jude” deutsche frauen und mädchen. Der nationalsozialistische rassendiskurs lädt diese bedrohung zusätzlich über die beschwörung der gefahr einer verunreinigung des arischen erbgutes auf: “deutsches mädchen merkst du nicht, dass der teufel zu dir spricht.”[4]

Obwohl der “jüdische mann” im antisemitischen diskurs mit unbegrenzter sexueller energie attributiert ist, macht ihn diese libido keineswegs besonders potent, fruchtbar, männlich – im gegenteil. Von ehrl-könig erfahren wir, dass er zwar keine konversation ohne anzügliche bemerkung übersteht, noch den seriösesten diskurs über literatur als ein sexuelles schauspiel, mit orgasmus und ejakulation inklusive, inszenieren muss[5], tatsächlich aber im bett eine niete ist. Seine frau – die es ja wissen muss – verrät: “seine unbremsbare ejakulation. Also, er ist die nullbefriedigung schlechthin. Und zwar immer schon und immer noch.” (116) hieraus erklärt sich vielleicht auch sein besonderer faible für junge frauen: bei ihm hat es “sich nie um frauen gehandelt, immer um mädels. Oder auch um mädelchen. Mädel oder mädelchen, da hat er immer scharf unterschieden. Am liebsten waren ihm natürlich mädelchen, aber wenn’s keine gab, nahm er auch mädels. Frauen findet er langweilig. Unzumutbar. Besonders doitsche.” (73) an eine richtige deutsche frau traut sich so einer doch gar nicht ran. Dafür ist er nicht manns genug.

Der widerspruch zwischen permanenter geilheit auf der einen und schwächlicher impotenz auf der anderen seite ist dabei kein zufälliger, sondern fester bestandteil der antisemitischen stereotypie. Der jüdische antisemit und antifeminist otto weininger fasst es so zusammen: “der jüdische mann ist stets lüsterner, geiler, wenn auch merkwürdigerweise […] Sexuell weniger potent als der arische mann.”[6]

“jude und weib/ sind ein leib[7]”

Darin erschöpft sich die konstruktion der männlichen jüdischen sexualität und geschlechtlichkeit allerdings keineswegs. Der “jude” ist nicht nur weniger potent, er ist auch keineswegs männlich. Der “jüdische mann” ist eigentlich kein mann. Von den idealen, deren inkorperierung einen menschen zum mann machen, erreicht “der jude” keines nur annähernd. Er ist feige und schwächlich, ein “drückeberger”, der das militärische dermaßen scheut, dass “man” ihn gar für die deutsche niederlage im ersten weltkrieg verantwortlich machen kann.[8] der “jüdische mann” kann eine “frau” weder angemessen befriedigen, noch sie angemessen bevormunden oder unterdrücken. Über das weibliche geschlecht des “juden” kann auch kein noch so langer bart hinwegtäuschen, keine noch so perfekte assimilation. Trotz allen crossdressings wird er doch als drag enttarnt. Denn nicht nur sein soziales, auch sein körperliches geschlecht ist ganz offensichtlich nicht männlich. Der “jude” ist besonders anfällig für die “frauenkrankheit” hysterie, wie für alle anderen modernen nervenkrankheiten, er ist von kleinem, schwächlichen wuchs[9], sein brustumfang ist dem von frauen vergleichbar, seine armspanne ist – genauso wie bei frauen – geringer als seine körperlänge[10], seine schultern sind schmal, er ist nervös, ständig am tuscheln (mauscheln), selbst seine jiddische sprache verrät seinen weiblichen charakter, die stimme ist nasal – zu hoch. – es ist eine “sich bis zum überschlagen steigernde[n] stimme” (23), eine fistelstimme, die auch dem schwulen, der schwuchtel, der tunte zugeschrieben wird[P2] und von der es heißt, sie komme durch eine “weiblichen kehlkopfstruktur” zustande.[11]

Vor allem aber zentriert sich die konstruktion der beschädigten “jüdischer männlichkeit”, des weiblichen geschlechts “jüdischer männer”, um die beschneidung des männlichen genitals. Um jene ranken sich schon im mittelalter zahlreiche diskurse und mythen. Auch im mythos vom ritualmord, den die jüdische religion angeblich fordere, spielt der beschnitten penis und die dadurch hervorgerufene menstruation eine zentrale rolle. Der durch die menstruation “jüdischer männer” hervorgerufene blutverlust galt nämlich als der grund, warum jene in regelmäßigen abständen menschenopfer bringen müssten. Sie füllen damit ihr verlorenes blut wieder auf[P3] . Die beschneidung der vorhaut gilt in antisemitischen vorstellungen als eine, die einen beschädigten, verkürzten, verkrüppelten penis hinterlässt. Dieser penis ist kein ganzer mehr, sein träger folglich kein wirklicher mann. Sigmund freud hat in dieser phantasie und in der durch sie hervorgerufenen kastrationsangst, die zentrale wurzel des antisemitismus vermutet. Wenn der kleine arische knabe im elternhaus erzählt bekomme, dass der jüdische knabe etwas vom penis weggeschnitten bekomme, bilde er sich ein, dass dieser den penis verstümmelt bekäme, was die gleichen ängste evoziere wie der anblick eines weiblichen genitals: wenn denen was fehlt, kann es mir auch geklaut werden[12].

Akademische weihe

Bei den diskursen um die geschlechtlichkeit und den geschlechtskörper von “jüdinnen” oder “juden” handelt es sich nicht in erster linie bzw. Nicht nur um “wissen”, das in alltagsgesprächen, hinter vorgehaltener hand, in der schule, beim einkaufen oder in der familie verhandelt, konserviert und weitervermittelt wird. Es ist auch ein breiter wissenschaftlicher diskurs, der vor allem die anthropologie, die medizin durchzieht. Hier hat auch die theorie vom menstruierenden “jüdischen mann” ihren ort, erhält sie ihre akademische weihe. Auch die vorstellung einer korrelation von genital und ohren oder nase, von der das sprichwort “wie die nase eines mannes, so sein johannes” zu berichten weiß, hat in wissenschaftlichen diskursen vornehmlich der physiognomie der jahrhundertwende ihren ursprung. Sexuelle krankheiten schienen ihren grund in der nase zu haben oder waren zumindest dort therapierbar. So führten auch freud und sein kollege fließ bei freuds patientin anna o. (berta pappenheimer) eine nasenoperation durch, um sie von ihrer hysterie zu heilen. Die patientin verblutete dabei fast[13]. Der logik jener korrelation zufolge (reflextheorie) standen also auch jüdische nase und genitalien, vornehmlich männliche genitalien zu einander in beziehung. Die als seltsam, abstoßend, krumm konstruierte jüdische nasenform verwies auf das beschädigte männliche glied. Dabei war bis zum nationalsozialismus umstritten, ob es sich bei der deformation des männlichen jüdischen körpers um eine anerzogene, den umwelteinflüssen, der religion geschuldete, oder um eine angeborene rasseneigenschaft handelte. Mehrere wissenschaftler vertraten die ansicht, dass “jüdische jungen” schon beschnitten zur welt kämen.

Verquere geschichte

Dabei ist die vorstellung, dass “männer” menstruieren keineswegs neu. Sie erlebt ende des neunzehnten jahrhunderts lediglich eine renaissance. Denn der vorbürgerliche geschlechterdiskurs kannte keine zwei biologisch distinkt vergeschlechtlichten körper. Das “ein-geschlechts-modell” (laquer)[14], das von der antike bis zur bürgerlichen gesellschaft gültigkeit besaß, ging davon aus, dass die verschieden vergeschlechtlichten körper ausformungen ein und desselben körpers waren, der lediglich in unterschiedlichen temperaturen, gleichsam aggregatzuständen existiere: je höher die körpertemperatur, umso männlicher das geschlecht. Analog waren blut, samen und milch bloß unterschiedliche ausformungen des einen körpersaftes. Selbst die genitalien waren nicht ausdruck einer grundlegenden körperlichen differenz, sondern eher hinweis auf das soziale geschlecht. Bei niedriger temperatur waren sie nach innen, bei hoher körpertemperatur nach außen gekehrt. Da das biologische geschlecht noch nicht erfunden, konstruiert war, kam dem rollenspezifischen verhaltenskodex, den kleiderordnungen usw. Ein enormes gewicht zu. Denn ein nicht-einhalten der geschlechtlichen konventionen konnte schnell auch zu einem körperlichen geschlechtswechsel führen. Eine “frau” etwa, die sich wie eine “mann” verhielte, würde einen temperaturanstieg erleben, infolgedessen sich ihre vagina nach außen kehren und somit zu einem penis werden könnte. Umgekehrt war es bei allen “männern”, deren körper eine niedrige temperatur auswies, die also ein weibliches oder zumindest unmännliches verhalten an den tag legten, die z.b. Wenig potent oder unfruchtbar waren, wenig verwunderlich, wenn auch ihr körper eine weibliche erscheinung annahm. Solche effeminierten “männer” erlebten somit häufig menstruationen, die sich in regelmäßigen nasen-, hämorrhoidal- oder afterblutungen entluden. Aber auch bei “männern”, die den rollenerwartungen entsprachen und auch bei männlichen “frauen” oder “frauen” nach der menopause waren solche blutungen nichts ungewöhnliches und wurden sogar häufig durch aderlässe künstlich herbeigeführt, um die überschüssige temperatur abzuführen. Die bürgerliche gesellschaft, welche mit dem gleichheitspostulat auch die ideologische grundlage für eine neue gleichheit der geschlechter bereitstellt, verwirft das “ein-geschlechts-modell” und ersetzt es durch die vorstellung einer biologisch begründeten geschlechterbinarität, welche der geschlechterhierarchie eine neues legitimatorisches fundament gibt.

Unter diesen bedingungen des hegemonial gewordenen diskurses von der biologischen zweigeschlechtlichkeit, erhält die theorie von der männlichen menstruation anfang des 20. Jahrhunderts eine renaissance. Freilich nicht ohne konflikte. Denn die ältere generation von medizinern, deren aufklärerisches selbstverständnis von der maßgeblichen rolle zeugt, die ärzte bei der langwierigen durchsetzung bürgerlicher ideologie gespielt haben, fühlt sich in ihrer identität bedroht. Unter diesen bedingungen wird die gefahr, dass einer der zentralen bürgerlichen diskurse, nämlich jener der biologischen zweigeschlechtlichkeit subvertiert wird, gebannt, indem das transgressive moment auf eine fest umgrenzte gruppe projiziert wird. Nur “homosexuelle”, “hermaphroditen” und “jüdische männer” –im damaligen diskurs alles biologische kategorien – können von jenem menstrualen leiden befallen werden. Es äußerst sich in blutungen am after, am genital, an hämorrhoiden und an der nase. Auch freud ist der meinung, dass jüdische männer ein drittes geschlecht repräsentieren: dasjenige menstruierender männer. Dabei kann die postulierung eines dritten geschlechts, die zuvor magnus hirschfeld für homosexuelle in anspruch genommen hatte, schon als versuch gelesen werden, den antisemitischen diskurs umzuarbeiten. Denn auf die grenze, die ein drittes geschlecht nicht nur zum männlichen, sondern eben auch zum weiblichen zieht, können antisemitinnen durchaus verzichten. Davon zeugt, dass zu freuds lebzeiten die klitoris in der wiener mundart als “jud” bezeichnet wurde. Die weibliche masturbation folglich als “mit dem jud spielen”[15]. Damit ist nicht nur der versuch unternommen, weibliche selbstbefriedigung negativ zu konnotieren; die bezeichnung verweist auch auf ein denken in homologien, das die klitoris (den kleinen penis) mit dem beschnitten und eben verkürzten, effeminierten genital des “jüdischen mannes” gleichsetzt.

Nosejobs

Anfang des zwanzigsten jahrhunderts löste die nase, die im antisemitischen diskurs nicht nur in beziehung zu sexualität und geschlecht, sondern auch ein zeichen für jüdischsein darstellte, die “jüdische schwärze” des 19. Jahrhunderts ab. Der “jüdischen nase” schien sich mit hilfe der kosmetischen chirurgie beikommen zulassen, weswegen der arzt jaques joseph, den die berliner jüdinnen “noseph” nannten, etliche ohren und nasenoperationen durchführte. Selbstverständlich setzte die konstruktion einer “jüdischen nase” als zeichen für “rasse” und perverse geschlechtlichkeit auch gerade solche menschen unter bedrängnis, denen die vorstellung als jüdisch identifiziert zu werden besonders bedrohlich erscheinen musste: weswegen auch so einige nazis nasenneurosen entwickelten.[16]

Die feministische comiczeichnerin aline kominsky-crumb hat einen ihrer comics, der sich diesem thema widmet, den namen nose job gegeben. Nose job – eine bezeichnung für die vom rassistischen antisemitismus erzwungene operation jüdischer nasen, erhält bei walser eine bemerkenswerte umdeutung: “cosi setzte sich auf den boden, lehnte den blondkopf an sein knie, er bekraulte nacken und haare, auch an ihrer nase knetete er herum, also, dachte man da, sind die roten ränder an cosima von syrgensteins nase nicht vom nasenbohren rot, sondern von den knetenden fingern des meisters.”(35)

Von nasalem sex, vom nasenkoitus weiß kein einschlägiges pornomagazin zu berichten. Walser aber erwähnt dieses scheinbar unwichtige detail immer, wenn die rede auf das verhältnis von ehrl-könig zu seiner junge geliebten kommt. Dass der antisemit beim ausmalen der schmutzigen jüdischen sexualität auf die sexualisierung der nase, auf vom verkehr blutige nasen verfällt, ist kein zufall. Der zarten nase des deutschen “mädelchens” wird “die vom übrigen gesicht nichts wissende, weil genau so kräftige wie feine nase.” Kontrastiert, die sogar noch größer ist als “.der stets das überentwickelte kinn überwölbende wulstmund” (35). Ohne superlativ scheint es nicht zu gehen. Dabei wird die theorie der nasalen menstruation durch die jetzt wissenschaftlichere vom chronischen prostata leiden ersetzt und es ist auch nicht die blutige nase “des juden”, die sexuiert und sexualisiert wird, sondern die nase seiner geliebten. Damit ist es aber auch nicht mehr der antisemit, der ein besonderes faible für nasen hat, sondern “der jude” selbst.

Mannsweiber, weibsmänner

In der schilderung der sexuellen beziehung von ehrl-könig zu seiner jungen deutschen geliebten “cosi” dient die weibliche unterwürfigkeit jener dazu, ehrl-königs macht noch stärker herauszustreichen. Während der mächtige auf seinem “thron” thront, kniet sein mädelchen gefügig zu seinen füßen und lässt sich wie ein kätzchen kraulen. Was “dem juden” bei einer erwachsenen frau nicht gelingen mag, nämlich seine rolle als mann zu spielen, gelingt ihm gestützt auf seine machtposition im literaturbetrieb bei diesem jungen mädchen – zumal cosi von syrgenstein selbst schriftstellerin ist und sich als solche von ihrer beziehung zu ehrl-könig eine gütigere behandlung erhoffen darf, worauf der roman auch anspielt. Kontrastiert wird diese weiblich-devote junge deutsche von der eher maskulinen jüdin, ehrl-königs frau. Von ihr, der madame, erfährt mensch wenig. Das ist nicht ungewöhnlich. “so ist in den judenfeindlichen schriften der textanteil, der sich auf frauen bezieht, gering und häufig auch verstreut.”[17]. Das wenige, was walser schreibt, aber sagt genug: “frau ehrl-könig, die zigarrenrauchende madame (6Cool”. “daß sie ihre schwarzen zähne nur von erstklassigen kubanischen zigarren hat, kann einen mit manchem versöhnen. (9Cool”

Der diskurs über jüd/innen ist einer über jüdische männer. Die darstellung der “jüdischen frau” und ihres verhältnisses zum “mann” erfüllt meist die funktion, die impotenz und fehlende männlichkeit “jüdischer männer” herauszustreichen. Die “jüdische frau” wird als herrschsüchtig, dominant, als ihren “mann” unterdrückend gezeichnet. Statt sich in ihre traditionelle geschlechtskonstruktion zu fügen und sich der hausarbeit und kinderaufzucht zu widmen, strebt sie beruflichen fortschritt an und sorgt sich um ihre sexuelle befriedigung. In ihrem bestreben dem “mann” gleichzuziehen, gibt sie ihre weibliche geschlechtlichkeit und damit auch ihre physische und sexuelle attraktivität auf und wird dem manne gleich. Zu den vorstellungen des nationalsozialismus über jüdische weiblichkeit gehören neben der jüdin als prostituierte an vorderster stelle das stereotyp der partisanin und des flintenweibs. Der diskurs über das männliche geschlecht “jüdischer frauen” beschränkt sich allerdings keineswegs bloß auf das verhalten, die kleidung, die psychische und charakterliche verfasstheit von “jüdinnen”. Er beschreibt nicht nur das soziale geschlecht, sondern konstruiert auch das körperliche geschlecht “jüdischer frauen” als eigentlich männlich, wie am folgenden zitat des rasseforschers otto hauser, vordenker des nationalsozialismus, deutlich wird: “bei keinem volk findet man nun soviel mannweiber und weibmänner wie bei den juden. Deshalb drängen sich so viel jüdinnen zu männlichen berufen, studieren alles mögliche […] betrachtet man diese frauen auf ihre sekundären geschlechtsmerkmale hin, so kann man bei gut zwei dritteln von ihnen deren verwischung feststellen. Der deutliche bartanflug ist überaus häufig, die brüste dagegen unausgebildet, das haar bleibt kurz.” [18] so gegeneinander gelesen produziert der antisemitische diskurs eine konstruktion von jüdischer geschlechtlichkeit, die als spiegelverkehrtes abbild heteronormativer geschlechterbinarität angesehen werden kann. Aus der perspektive einer patriarchalen heteronormativität erscheint das bild der männlichen frau, des weiblichen mannes als verkehrte, perverse welt. Jüd/innen neigen zur homosexualität, sind vorzugsweise lesbisch oder schwul und verkörpern ein “falsches” geschlecht, sind transgender – es sind queere figuren. Dabei sind nicht nur die sozialen geschlechter”rollen” vertauscht, der antisemitische diskurs formiert auch die jüdischen körper.

Die frau ist dem mann sozial, psychisch überlegen, sie dominiert ihn nicht nur an ihrem angestammten platz, dem haushalt, sondern will ihn auch aus der produktionssphäre, der lohnarbeit und der öffentlichkeit [P4] verdrängen. Gleichzeitig ist sie von größerer statur, breiterem bau und verfügt über mehr körperliche kraft. Deutlich findet sich dieses bild in karikaturen und antisemitische postkarten, die um die jahrhundertwende der belustigung des nichtjüdischen deutschen publikums dienten und häufig als urlaubspostkarten von nordseebädern fungierten.[19] auf ihnen sind zum beispiel gewaltige, korpulente, freilich hässlich gezeichnete “jüdische frauen” zu sehen, die ihre mickrigen, schwächlichen und verängstigten “männer” an der hand mit ins wasser nehmen. In hintergrund sind deutsche zuschauer/innen zu sehen, die sich an dem spektakel belustigen und vorführen, wie es richtig geht: mann trägt seine kleine frau auf dem arm ins wasser. (sieher abbildung)

Vielleicht hat walser an seine badeurlaube gedacht, die er in seinen kindertagen vielleicht auf borkum verbrachte, als er folgende passage verfasste: “ jeder kenne die photos, auf denen er [ehrl-könig] mit fünfzig, sechzig und siebzig jahren an ihrer seite steht. Sie, die große schöne, wie erfunden schöne dame, er, der rundliche kleine, dem mit sechzig plötzlich die vorher schon weißen haare ausgingen, die er immer lang getragen und im nacken zusammengefasst gehabt habe. Und die großen roten ohren vom vater. Im fernsehen wurden die vor jedem auftritt blassgepudert.”(70)[20]

Das bild von der schejnen jidin gehört zwar auch zum repertoire antisemitischer bildproduktionen, als sexsymbol, das im wesentlichen den arischen idealvorstellungen entspricht – erweitert lediglich um einige exotisierende attribute – ist sie allerdings nicht zusammen mit “jüdischen männern” sondern alleine zu sehen. Wenn die frauen, denen der “geile jude” den hof macht und von denen er abgewiesen oder lächerlich gemacht wird, schön sind, dann handelt es sich in diesen antisemitische darstellungen um “deutsche frauen”. Allerdings um solche, die an ihren hosenröcken, ihrem zigarettenkonsum und ihrer vernachlässigung der kinder, als feministinnen, emanzen zu erkennen sind. Diese deutschen frauen geben “dem juden” keinen korb. Für gewöhnlich werden auch feministinnen als unattraktiv, unweiblich, mannsweiber, dragkings, butches eben, dargestellt. In kombination mit einem “jüdischen mann” aber reicht jener, um den gewünschten diskriminierenden effekt zu erzielen. Eine emanzipierte frau, so die bildaussage, kriegt nur einen effeminierten “juden” ab; ein emanzipierter “jude” (der also mischehen eingehen darf) nur ein feministisches mannsweib. (siehe abbildung)

Geschlechtslose individuen bilden kein volk

Wie schon an der aussage otto hausers, zeigt sich daran, dass antisemitismus nicht nur mit sexismus, sondern auch mit politischem antifeminismus verknüpft ist. Diese verknüpfung ist mehr als ein bloß zufälliges, additives vorhandensein reaktionärer ideologien in ein und dem selben politischen subjekt, wie etwa chamberlain, eugen dühring oder adolf hitler, welcher vom “wort von der frauenemanzipation” als einem vom “jüdischen intellekt erfundenem wort” sprach. [21] die verknüpfung verweist eher darauf, wie sich antisemitismus, antifeminismus, homo- und transphobie durchdringen und wechselseitig verstärken.

In den antisemitische erzählungen sind ”juden” oder ”jüdinnen”, “jüden”, die diskursiven orte der inszenierung von perversen sexualitäten, überbordenden lüsten, verqueeren geschlechtlichkeiten. Systematisch gerät die zeichnung der ”entarteten” jüdischen geschlechterverhältnisse, der grenz- und zwischengeschlechtlichen dabei zum spiegelbildlichen abbild der heteronormativen geschlechterbinarität. Über jüdische kultur, jüdische menschen lässt sich daraus freilich nichts lernen. Wohl aber über europäische heimlichkeiten, über die phantasien der deutschen. Wenn überhaupt es letzteren möglich sein sollte, etwas schönes zu sagen, dann ganz gegen ihre absicht dort, wo sie es mit den bösesten motiven tun, wenn sie das ihrer meinung nach hässliche, eklige, abstoßende beschreiben. In ihren ängsten spiegelt sich die bedrohung der natürlichen ordnung, des herrschenden. Ungewollt geben sie darin auskunft über eine bessere aussicht, öffnen sie die perspektive auf einen zustand frei von den kategorien von volk und geschlecht. Die folgende aussage von otto gierke, eines berliner proffessors und erklärten feindes des frauenstudiums zur zeit der weimarer republik, könnte deshalb einen geeigneten slogan abgeben, für eine queere gesellschaftskritik, die aufs ganze zielt: “das gemeinwesen ist kein sandhaufen, sondern ein organismus. Die grundeinheit des socialen körpers ist die familie. Geschlechtlose individuen bilden kein volk..”[22]

[1] Alle zahlen in klammern sind seitenangaben aus der erstfassung von walsers roman, tod eines kritikers, wie sie der faz und dem suhrkampverlag vorlag.

[2] Die verknüpfung von jüdischem mit “animalistischer sexualität” nimmt auch der islamistische antisemit sayyid qutb vor. Jungle world, nr. 48, 2002

[3] Sander l. Gilman, freud, identität und geschlecht, frankfurt 1994, s. 74

[4] Katja leiskau, daniela geppert, ”alte taler, junge weiber sind die besten zeitvertreiber”, in: gold/heuberger, abgestempelt. Judenfeindliche postkarten, frankfurt 1999, s. 212

[5] “Man müßte mit den kameraleuten reden, daß die ihm einmal mit dem zoom aufs mundwerk fahren, daß endlich mal das weiße zeug, das ihm in den mundwinkeln bleibt, groß herauskäme, der vertrocknete schaum …

Scheißschaum, gellte bernt streiff, das ist sein ejakulat. Der ejakuliert doch durch die goschen, wenn er sich im dienst der doitschen literatür aufgeilt. Der lippengorilla, der elendige” (89)

[6] Christina von braun, antisemitische stereotype und sexualphantasien. In: jüdisches museum der stadt wien (hg.), die macht der bilder, wien 1995, s.183

[7] ”Jude und weib/ sind ein leib” ist ein antisemitisches sprichwort, das im deutschland des 19. Jahrhunderts (vermutlich schon vorher) verbreitet war. Vgl.: monatsschrift für geschichte und wissenschaft des judethums, wien 1881, s. 236ff

[8] Volker ullrich, ”drückeberger”, in: schoeps/schlör, antisemitismus. Vorurteile und mythen, münchen 1995

[9] Vgl. Klaus hödl, die pathologisierung des jüdischen körpers, wien 1997, s.164-232

[10] Gilman, a.a.o, s.241

[11] Gilman, 243f

[12] ”Der kastrationskomplex ist die tiefste unbewußte wurzel des antisemitismus, denn schon in der kinderstube hört der knabe, daß dem juden etwas am penis – er meint, ein stück des penis – abgeschnitten werde, und dies gibt ihm das recht den juden zu verachten. Auch die überhebung über das weib hat keine stärkere unbewußte wurzel.” Sigmund freud, gesammelte werke, band 7, frankfurt 1952-87, s. 271, zitiert nach gilman, s. 123

[13] Ann pellegrini, white performances: ”race”, gender, and jewish bodies. In: jonathan boyarin and daniel boyarin, jews and other differences, minnesota 1997, s. 108 ff

[14] Thomas laquer, auf den leib geschrieben, frankfurt 1992. Für eine zusammenfassung siehe auch: andrea maihofer, geschlecht als existenzweise, frankfurt 1995

[15] Gilman, s. 69

[16] Sander l. Gilman, “die rasse ist nicht schön” – “nein, wir juden sind keine hübsche rasse”, in: gilman u.a., “der schejne jid”, 63ff

[17] Jeanette jakubowski, ”die jüdin”, in: schoeps/schlör a.a.o, s. 196

[18] Zitiert nach christina von braun, warum gender studies? Www.culture.hu-berlin.de/cvb/texte_frame.html

[19] Abgestempelt. A.a.o

[20] Kleinwüchsige, hässliche männchen mit großen ohren, langen krallenfingern und hakennasen gibt es auch im harry potter film „stein der weisen“. Was für ein zufall, dass es sich bei diesen figuren sämtlich um bänker handelt

[21] Jakubowski, a.a.o, s. 207

[22] Christina von braun, warum gender studies, a.a.o