Nicht Mann, noch Frau: Intersexualität als Anfrage an das herrschende Menschenbild

Inge Kirsner

Ob ein Kind ein Junge oder ein Mädchen ist, lässt sich meist eindeutig feststellen. Es gibt aber auch Menschen, die beide Geschlechter haben. Ihre Existenz stellt die Frage nach der Bedeutung des Geschlechts neu. Die Theologin Inge Kirsner über Intersexualität nicht nur im Film.

Szene aus dem Film „XXY“. (Foto: Cinetext)
Szene aus dem Film „XXY“. (Foto: Cinetext)
Anlässlich der Olympischen Spiele 1996 in Atlanta wurden acht Athletinnen disqualifiziert, die nicht eindeutig dem weiblichen Geschlecht zugeordnet werden konnten. Wie sich herausstellte, waren sieben von ihnen als Hermaphrodit auf die Welt gekommen. Die Bezeichnung leitet sich von Hermaphroditos ab, einer Figur aus der griechischen Mythologie. (Ovid beschrieb in seinen Metamorphosen, wie aus dem Sohn Aphrodites und Hermes‘ durch die feste Umarmung der verliebten Nymphe Salmakis ein zweigeschlechtliches Wesen entstand, und deutet dies als Ätiologie der Zwitterbildung.
Die kampferprobten olympischen Zwitter legten Widerspruch ein – und bekamen Recht. Die damals übliche gender verification wurde von Genetikern als zu oberflächlich kritisiert, weil ausschließlich die Chromosomen ermittelt würden. Im Vorfeld der diesjährigen Olympischen Spiele in Peking wurden nun neue Geschlechtstests eingeführt, nachdem sich die bisherigen Massentests als uneindeutig erwiesen hatten. Bei den neuen Tests werden nun auch Gene und Hormonprofile untersucht – so sollten die Fairness der Wettkämpfe als auch das Recht der betroffenen Sportler (Sportlerinnen) geschützt werden. Einen wirksamen Schutz gegen die verwirrende Vielfalt der Geschlechter gibt es jedoch nicht – auch das Kino hat sich in diesem Jahr diesem Phänomen gewidmet.
XXY – der Titel dieses Films ist eindrücklich und irreführend zugleich. Eindrücklich, weil sofort klar wird, dass es um eine genetische Bestimmung jenseits von Mann – XY – und Frau – XX – geht. Irreführend, weil es die medizinische Bezeichnung für das Klinefelter Syndrom ist, eine genetische Störung, die nur bei Männern auftritt. In dem Film von Lucía Puenzo (Argentinien/ Frank­reich/Spanien 2007) geht es allerdings um Intersexualität; eine Person wird dann als intersexuell bezeichnet, wenn die Genitalien sowohl männliche als auch weibliche Merkmale aufweisen oder wenn die Geschlechtsorgane nicht zum Chromosomensatz passen.Trotz mancher medizinischer Ungenauigkeiten nimmt einen XXY aber mit in ein Universum, das größer und reicher ist als eine zweigeteilte Welt, in der die erste Frage nach dem Eintritt in dieselbe lautet: Mädchen oder Junge?
„Das Beste am Musikhören auf der Straße ist, dass man das Gefühl hat, alle Leute hören diese Musik und bewegen sich dazu“, sagt Alex zu Aldo, nachdem sie ihm den Kopfhörer abgenommen und sich selbst aufgesetzt hat. Ähnlich ergeht es einem mit den Anfangsszenen des Films XXY. Man hat zunächst das Gefühl, die Regisseurin habe eine bestimmte Musik im Kopf und setze voraus, dass die Zuschauenden diese ebenfalls hören und verstehen, was gespielt wird. Denn die Geschichte von Alex beginnt sehr spröde und nur langsam erschließen sich ihre Konflikte.
Schon gleich am Anfang des Filmes setzt die Verwirrung ein: Man wird Zeuge einer seltsamen Operation, bei der es, wie später deutlich wird, um die Geschlechtsbestimmung einer Meeresschildkröte geht. Für deren Rettung setzt sich Alex‘ Vater, ein Biologe an einem Küstenstrich Uruguays, ein. Die Verwirrung vertieft sich, wenn man in Alex ein bei aller Sprödigkeit reizvolles junges Mädchen ausmachen will, und erfahren muss, dass bei ihr eine eindeutige Zuordnung nicht funktioniert: Alex hat ein doppelt bestimmtes Geschlecht, ist ein Hermaphrodit.
„Vollkommen!“, so schildert der Va­ter
den ersten Eindruck bei der Geburt seines Kindes.
Doch was bedeutet es nun, ein Hermaphrodit zu sein? Hat er/sie ein drittes Geschlecht – jenseits der Geschlechterdifferenz – oder beide, möglicherweise in derselben Intensität? Letztere Möglichkeit schält sich bei Alex – Alexandra, Alexandro – heraus. Und darum dreht sich die Geschichte dieses besonderen Filmes: Wo ist der Platz eines Menschen, dessen Geschlecht nicht eindeutig zu bestimmen ist? Wie mag es sich anfühlen, wenn man nicht nur innerlich, sondern auch äußerlich beides ist, Mann und Frau?
„Vollkommen!“, so schildert der Va­ter den ersten Eindruck bei der Geburt seines Kindes. Das Kind, noch sächlich, muss jedoch spätestens bei der Namensgebung feminin oder maskulin bestimmt werden. Die Eltern wollen aber über dieses vollkommene Wesen, das alles hat, nicht bestimmen, verweigern die meist übliche Operation und geben ihrem Kind einen Namen, der männlich und weiblich sein kann: Alex.
Die filmische Handlung setzt ein, als ein Schönheitschirurg mit Familie zu Besuch kommt. Alex‘ Mutter hat ihn eingeladen; er soll in einem Gespräch mit ihrem pubertierenden Kind herausfinden, ob eine geschlechtsfestlegende Operation jetzt doch vonnöten ist. Wie aber soll ein Mann, der äußerliche Korrekturen vornimmt und, wie sich zeigen wird, ein dualistisches Menschenbild hat, Alex‘ Nöte verstehen, der/die sich trotz ihres doppelten Geschlechts keineswegs als defizitär wahrnimmt?
Die Musik, die Alex hört, hört niemand sonst.
Korrekturbedürftig erscheint im Film weniger Alex, als vielmehr die phantasielose Umwelt, die sie/ihn als „Es“, als Monster, stigmatisiert. Und in der Tat umschreibt die „Musikszene“ Alex‘ Dilemma am besten: Die Musik, die Alex hört, hört niemand sonst; der Takt, nach dem sich die anderen bewegen, ist, wie die Computersprache, vom binären Code 0 oder 1 bestimmt.
Am ehesten versteht der Vater, auch die Mutter steht ihrem Kind nahe; die Gleichaltrigen, selbst mit pubertären Ge­schlechtsfindungen belastet, sind meist überfordert. Alex hat sich, wie man aus späteren Gesprächen stückweise erfährt, ihrem besten Freund, Vando, anvertraut. Das Ergebnis war eine gebrochene Nase und eine zerbrochene Freundschaft; letztere wird paradoxerweise wieder hergestellt, als Vando Alex‘ Geheimnis verraten und so ungewollt ein paar neugierige Halbwüchsige auf sie gehetzt hat. Der Freund kann Alex jedoch vor einer drohenden Vergewaltigung retten.
Dieser Überfall zwingt den Vater zum Handeln. Er ist ratlos: Soll er zur Polizei gehen? Das hieße, alles zu offenbaren. Er beschließt stattdessen, die potenziellen Vergewaltiger persönlich zur Rechenschaft zu ziehen: „Tut meinem Sohn nichts mehr an!“ Seine Drohung lässt ihn das erste Mal schmecken, wie sich „Sohn“ anhört. Denn Alex nimmt ihre Hormone nicht mehr, die bislang eine Vermännlichung verhinderten. Was das für Konsequenzen haben kann, musste der Vater in einer „Schlüssellochszene“ erkennen: Alex nähert sich dem Sohn der Freundesfamilie als Mann. Aus dem körperlichen Ausprobieren wächst so etwas wie eine zarte Liebe, die keine Zukunft hat. Der Film endet mit einem Abschied, er zeigt keine Lösung, keine Perspektiven. Denn wie sollte eine „Versöhnung“, eine Erlösung aus dem Geschlechterdilemma auch aussehen?
Überhaupt kein Unterschied
„Hier ist nicht Mann noch Frau?“, heißt es im Galaterbrief 3,28 von den Getauften, „sondern ihr seid allesamt einer in Christus“. Was in der Lutherbibel mit „einer“ übersetzt und so wieder geschlechtsspezifisch wird, heißt auch im griechischen Urtext „eis“, einer. Dem Sinn nach müsste es „én“, eins, heißen. Die „Bibel in gerechter Sprache“ übersetzt diesen Absatz dementsprechend: „Da ist nicht jüdisch noch griechisch, da ist nicht versklavt noch frei, da ist nicht männlich noch weiblich: denn alle seid ihr einzig-einig im Messias Jesus.“ In dieser Übersetzung wird deutlich, dass es keine eschatologische Vertröstung gibt, sondern für die an Christus Glaubenden hat es sich bereits erfüllt: die Aufhebung der Standes- und der Geschlechterdifferenzen.
Wäre dieses „Weder – noch“ allerdings für Alex eine befreiende Perspektive, der es weniger um Aufhebung als vielmehr um Erfüllung geht? Sie ist Mann und Frau, beides gleich stark, und als Mann-Frau, wünscht er/sie sich eine Vereinigung mit einem Gegenüber, das bereit ist, sich einem verwirrenden Geschlechterspiel zu stellen.
Das Thema Intersexualität, Geschlechtswechsel beschäftigt immer wieder die Künste. Das berühmteste Beispiel ist wohl der Roman Orlando, von Virginia Woolf 1928 als Porträt ihrer Freundin Vita Sackville-West mit leichter Hand geschrieben. Es geht hier um die Erfahrungen eines Menschen, der im elisabethanischen Zeitalter als Mann einschläft und als Frau wieder aufwacht (und deren Leben wir dann bis ins 20. Jahrhundert verfolgen). Orlando ist insofern psychisch intersexuell, als sie ihre männlichen Erfahrungen in ihr weibliches Ich eintragen kann.
Ein Buch kann frei von Festlegungen beschreiben, was ein Film immer ins Bild zwingen muss: Wir können kaum anders, als das Phänomen dualistisch zu sehen, wir sehen einen Mann oder eine Frau. Die Schauspielerin Tilda Swinton, die in der Verfilmung des Orlando die Hauptrolle spielt, ist zwar ein echter Glücksfall. Doch sehen wir auch in ihrem Orlando (verfilmt 1992 von Sally Potter) immer die knabenhafte Frau, die einen Mann spielt. Welche Engführung der Möglichkeiten!
Wir sehen immer, was wir glauben, zu sehen
Wir sehen immer, was wir glauben (zu sehen): Nachdem wir erfahren haben, dass Alex auf ihr Östrogen verzichtet, forschen wir in ihren Zügen nach Spuren des Männlichen, sehen beide Möglichkeiten in dem ernsten Gesicht aufscheinen. Alex lacht nie; und Tränen entspringen eher der Wut über die permanente Verletzung als dem Selbstmitleid. Sie fordert auch kein Mitleid, sondern Akzeptanz: Wenn wir Probleme haben, unserer Wahrnehmung zu trauen, sie hat es nicht. Trauen wir uns aber, in ihr etwas zu sehen, was der Vater bereits erkannt hat, lernen wir ein vollkommenes Wesen kennen, das alles hat, wonach wir uns zuweilen sehnen: das jeweils andere auch äußerlich zum Ausdruck zu bringen.
„Derselbe Mensch – überhaupt kein Unterschied: einfach nur ein anderes Geschlecht!“ sagt Orlando, die zuvor noch ein Er war, beim ersten morgendlichen Blick in den Spiegel. Wie im Märchen geht diese Umwandlung vonstatten, anders als in Christa Wolfs Erzählung Selbstversuch, bei dem es eines medizinischen Eingriffs bedarf, um der Frau die Erfahrungswelt des Mannes zu öffnen. Doch wie bei Wolf stellt Woolfs Heldin zunächst lediglich die Identität mit sich selbst fest – was sich fundamental ändert, ist die Kleidung und die (damit verbundene) Wahrnehmung der Gesellschaft.
Das Schlussbild des Films zeigt uns die nun 36-jährige Orlando – gefilmt mit einer Videokamera ihrer Tochter – unter dem Baum sitzen, wo wir sie vierhundert Jahre zuvor kennen gelernt haben. „Aber sie hat sich verändert – sie ist keine Gefangene des Schicksals mehr! Und seit sie die Vergangenheit losgelassen hatte, macht sie die Erfahrung, dass ihr Leben neu begann“, heißt es im Off. Der Falsett-Gesang, der schon am Filmanfang zu hören war, wird am Ende wieder aufgenommen – allerdings ist es nun ein Engel, der vom Himmel singt, und es ist ja bekannt, dass auch das Geschlecht der Engel nicht eindeutig zuzuordnen ist.
In Genesis 1,27 heißt es (nach der Übersetzung der „Bibel in gerechter Sprache“): „Da schuf Gott Adam, die Menschen, als göttliches Bild, als Bild Gottes wurden sie geschaffen, männlich und weiblich … hat Gott sie geschaffen.“ Das Wort „Adam“ heißt hier „Mensch“ und umfasst beide Geschlechter; Gott schuf die Menschen nicht als Mann oder Frau, sondern als Mann und Frau. Als vollkommenes Wesen also, das ein Gegenüber will und braucht, so wie Gott, der dem Menschen spiegelbildlich ein Gegenüber schafft: Mann und Frau, Frau und Mann, nicht dichotomisch, sondern ineinander, ein Fleisch. Wie Platons halbe Kugelwesen, die ihre andere Hälfte suchen.
„Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich in Dich verliebe“, sagt Alex zu Aldo beim Abschied. Was als körperliches Experiment begann, wird zur Ahnung einer Seelenverwandtschaft. Sie hören dieselbe Musik; auch Aldo fühlt sich fremd in einer Welt, die von Männern wie seinem Vater beherrscht wird, der befürchtet, sein Sohn könne homo­sexuell sein. Frausein und Mann­sein aber als Facetten eines Kontinuums mit schöpferischer Vielfalt zu verstehen – das wäre Aufgabe einer Kirche, die Ernst macht mit der aus kulturellen Fesseln befreienden Botschaft Jesu Christi.

Literatur:
Virginia Woolf: Orlando, Frankfurt/Main 2007.
Christa Wolf: Selbstversuch, in: Gesammelte Erzählungen, Berlin/Weimar 1989.
Isolde Karle: „Da ist nicht mehr Mann noch Frau“. Theologie jenseits der Geschlechterdifferenz, Gütersloh 2006.