katharina pühl

vortragstext im rahmen des workshops „eindeutig uneindeutig – intersexualität und geschlechterdiskurs“ auf dem bildungstag „lernwege“ der gewerkschaft für erziehung und wissenschaft (gew) in weimar, 20.5.2000 [1]
als ich mich mit „intersexualität“ in vorbereitung zu diesem workshop erneut zu beschäftigen begann, kannte ich das thema, das sog. problem und den film über michel reiter und heike boedeker von einem lesbischen filmfestival in berlin vor zwei jahren. und hatte mich mit den themen transsexualität, konstruktion von geschlecht und der frage danach, wie wir „geschlechter tun“ (doing gender) langjährig beschäftigt, in ganz unterschiedlichen arbeitszusammenhängen. aber nicht nur in arbeitszusammenhängen, auch in persönlichen kontexten mit heterosexuellen, lesbischen und schwulen menschen, mit denen ich befreundet bin.
für mich ist die universitätssozialisation in sachen „gender“ anders verlaufen als für generationen vor uns. wir fanden ansätze von geschlechterforschung vor, in gesellschaftstheoretischer verschränkung mit kapitalismuskritik und antirassistischen perspektiven. eine leitende arbeitsperspektive ergab sich für mich aus der auseinandersetzung mit michel foucault als demjenigen poststrukturalistischen theoretiker, der u.a. sexualität auf die tagesordnung setzte. die kernthese seines werkes über das thema des „sex“ könnte man sehr gerafft so formulieren: der „sex“ (im französischen sexe begrifflich umfassender gemeint als im deutschen verständnis) und „sexualität“ sind keine natürliche tatsache menschlichen seins, ihr grund, sondern ein produkt gesellschaftlicher diskurse über den „sex“. sex ist eine erfindung der moderne, ist produkt von diskursen über sexualität. Durch geständnispraxen, bestimmte kulturelle rituale wie die beichtpraxis in der kirche, durch rechtspraxis werden sex, sexualität reguliert, hervorgebracht, und tauchen in unserer alltagswelt wie in der wissenschaft als „problem“ auf.
mit einer solchen perspektive, allerdings nicht immer in der gefolgschaft foucaults, sind mittlerweile einige studien zur historischen rekonstruktion der geschlechterverhältnisse, zur entstehung der wissenschaften vom menschen und der anatomie im 18. Jahrhundert entstanden (barbara duden, thomas laqueur). fortgeschrieben werden sie im 20. jahrhundert und in kritischer auseinandersetzung mit der psychoanalyse und sigmund freud heute in den sozial- und kulturwissenschaften (und natürlich, wenn auch anders, in der medizin). auf der basis einer these, dass geschlecht, geschlechter konstrukte sind, alltäglich neu konstruiert werden müssen, untersuchen beispielsweise gesa lindemann und stefan hirschauer das thema transsexualität, also den wechsel von einem geschlecht zum anderen, sei es mit geschlechtsverändernder operation oder ohne. studien zu intersexualität fehlen im kanon universitärer lehre der geschlechterforschung zumeist noch.
wir haben von den von der französischen diskussion beeinflussten theoretikerInnen bzw. wissenssoziologInnen der 60/70er jahre gelernt, dass „sex“ genau wie andere vermeintlich natürliche kategorien in gesellschaftliches wissen eingebettet ist, in machtstrukturen, in konkrete soziale konstellationen und lokale verhältnisse, in denen wir die rede über „sex“ erheben. und nicht nur die rede erheben: auch „sex“ tun. und dabei geht es nicht nur um das naheliegende wissen über den „sex“, sondern um einen komplexen zusammenhang zwischen individuellen, kollektiven, sozialen, familiären formen, auf das thema sexualität und auf zweigeschlechtliche körper zugriff zu nehmen. im ganz alltäglichen, in der frage danach, in welche toilettentür wir gehen, stellt sich, noch bevor wir genau darüber nachgedacht haben, die frage nach dem geschlecht. warum eigentlich ist das in öffentlichen gebäuden eine frage? es gibt nur die wahl zwischen f und m. im flugzeug, in der bahn ist die lage eine andere. schon dieses banale beispiel zeigt, wie widersprüchlich der sogenannte „normale“ alltag durch die ständige bearbeitung bzw. herstellung von 2-geschlechtlichkeit strukturiert ist.
um michel foucault ein wenig weiter zu folgen: seine these ist nicht nur, dass „sex“ und sexualität produkt von diskursen sind. diskurse ergeben sich für ihn aus dem zusammenspiel von sprache, wissensformen, alltäglichen praktiken sozialen lebens, rechtlichen regelungen, wissenschaftlichen spezialdiskursen; heute würden wir ergänzen: und mediendiskursen über ein phänomen. diskurse über ein themenfeld/ein phänomen sind also ein arbeitsteiliges projekt, an dem viele mitwirken.
ab welchem zustand, zeitpunkt ist ein diskurs ein diskurs? wenn es gelungen ist, mithilfe verschiedener zu rekonstruierender rhetorischer strategien in einer gesellschaft etwas für „normal“ zu erklären. oder überhaupt etwas zum erklärungsbedürftigen phänomen zu machen, zu skandalisieren, hervorzuheben, zu besondern. vor sigmund freud wusste „man“ nicht, dass die menschliche psyche durch frühe sozialisationserfahrungen zweigeschlechtlich organisiert ist. vor john money [2] „wusste“ man nicht, dass kinder angeblich, wenn es nur früh genug geschieht, psychosozial im anderen geschlecht als ihrem von geburt an körperlich mitgebrachten leben können sollen. an beiden thesen, die so folgenreich waren, bestehen heute zweifel bzw. sie werden für falsch gehalten; der diskurs über die psychosoziale verfasstheit von geschlecht entwickelt sich weiter. beide beispiele zeigen aber auch, dass für richtig, natürlich gehaltenes wissen fatale folgen haben kann, weil menschen daraufhin „kuriert“, behandelt, verletzt, operiert, „normalisiert“ werden.
was ist normal? normalität ist eine gesellschaftliche konstruktion, die mit viel mühe, arbeit, schweiss, blut, tränen, hergestellt wird und für manche tödlich endet. oder in judith butlers worten: auch diskurse können verletzen. es ist unklar, wie wir „normale geschlechter“ werden können – oder warum wir das überhaupt sollten.
michel reiters vortrag über den umgang mit intersexuellen menschen hat gezeigt, dass „geschlecht“ ergebnis einer an die medizin und justiz delegierten fest-stellung darüber ist, wer, wie, was, wann wo ein eindeutiges geschlecht zu sein hat. der umgang mit intersexuellen menschen in dieser gesellschaft, in amerika, in westlichen gesellschaften, in anderen, aber nicht allen kulturkreisen ausserhalb der rigiden westlichen welt und ihrem körper- und geschlechterverständnis, zeigt, dass normalität hart erarbeitet werden muss und sehr verschiedene gesellschaftliche positionen einbezieht: diejenigen, die definieren, was „normal“ ist (gesundheitssystem, medizin, alltagsinn, gewohnheiten, traditionen, rechtssystem); und diejenigen, die definiert werden. weil sie „zweifelhafte fälle“ sind, die die für hegemonial, also gesellschafsweit dominant gehaltenen deutungen dessen, was geschlecht ist, durch ihr verhalten, durch ihren körper, durch die präferenzen der praktiken, die für sie sozial und körperlich wichtig sind, irritieren. dabei liegt in dieser formulierung die aktive position bei denen, die „etwas irritieren“. und, so will es der normalisierende blick, nicht bei denen, die diese frage, ohne sie zu fragen, in den raum stellen.
also, wer definiert, was den blick irritiert? die frage danach, wie ich einen menschen in der u-bahn zuordne, bei dem/der ich mir nicht ganz sicher bin, wo sie/er hingehören möchte. unter dem aspekt „lernen“, der das motto dieses kongresses ist, fragt sich: wie wende ich, wie wenden Sie irritierende erfahrungen mit der uneindeutigkeit von geschlecht, bei eine/r/m selbst, bei der wahrnehmung anderer, ins konstruktive? ohne: den masstab der ohnehin nicht zu definierenden „normalität“ zu vollstrecken. ich weiss nicht, wie es Ihnen geht: ich zumindest habe in der zeit der auseinandersetzung mit der frage nach der konstruktion von geschlecht (die phase dauert an!!!) meinen alltagsblick auf der strasse, meinen blick nach innen zu mir selbst und meinen blick auf mich und menschen, mit denen ich in vielfältigster weise in beziehung stehe, sehr verändert. verändern müssen, nicht aufgrund von theorien, theoretischen moden, sondern weil mir der alltag plötzlich neu ins auge stach.
hier sind wir jetzt bei der frage nach dem einsatz feministischer theorien. dafür bin ich hier als sprecherin, um nicht zu sagen „expertin“ eingeladen. ich habe mich dagegen entschieden, hier versatzstücke der wichtigsten ansätze zu einer theorie oder besser gesagt zu theorien der konstruktion von geschlecht vorzutragen. dafür haben wir eine literaturliste, das können wir auch in der diskussion noch vertiefen. ich wollte mich den (für mich) gewohnten ritualen der rede über geschlecht nicht beugen.
was mich mehr interessiert, und da bin mir im grundsatz mit michel reiter einig, ist der wunsch, bei Ihnen, bei allen, bei uns, eingewöhnte sichtweisen auf sich, geschlecht, normalität der geschlechterverhältnisse zu verändern. sicherlich hat unsere beschäftigung mit intersexualitität vorhin dazu schon einiges beigetragen. je länger frau/man darüber nachdenkt, desto weniger „selbstverständlichkeiten“ sind zu verzeichnen.
in neueren geschlechtertheorien, prominent vertreten z.b. durch die amerikanische feministin judith butler, steht wie bei michel foucault das interesse im vordergrund, die diskursive konstruktion von geschlecht und geschlechtern als komplexen prozess zwischen sprache, alltagspraktiken und institutionellen zwängen zu beschreiben. anfangs versuchte sie zu zeigen, wie gewohnte geschlechterwahrnehmungen unterlaufen werden, subversiv neu gedeutet werden können – bot sich da ein ausweg aus der falle der heteronormativität, der zwangheterosexualität? am beispiel der schwulen transvestitischen performance, der „drag queen“ als zitat und persiflage für normal gehaltener weiblichkeit, zeigte sie, wie geschlecht re-inszeniert wird, weil es eben keine „frau“ ist, die auf der bühne steht, sondern ein mann in frauenkleidern. was passiert im prozess der wahrnehmung? bei denen auf und bei denen vor der bühne? die subversion dieser situation funktioniert über das spiel mit der irritation an der vermuteten oder unterstellten echtheit der darstellung. stellt sich im durchgang durch die irritation die „richtige“ sicht der dinge wieder her? dann wäre es keine veränderung gewohnter sichtweisen. oder verschiebt sich durch diese erfahrung die gewohnte wahrnehmung ein bisschen, ist damit schon nicht mehr dieselbe, starre sicht auf zwei geschlechter wie vorher? letzteres behauptete butler und leitete daraus die veränderbarkeit, die verschiebbarkeit und eben aber auch das beteiligtsein von zuschauerIn und darstellerIn an der konstruktion von geschlecht ab.
judith butlers position hat einen erbitterten streit ausgelöst. ihre theorie wurde fasziniert von einigen aufgenommen, weil sie einen ansatzpunkt dafür zu bieten schien, wie das gerüst der zwangs-2-geschlechtlichkeit verlassen werden kann, wir jenseits davon überhaupt etwas anderes denken und repräsentieren können. andere verstanden ihre position so, dass geschlecht diskursiv konstruiert sei, also man es auch anders als in den zwängen konstruieren könne, die heute vorherrschen. ob denn dann der körper auch ein konstrukt sei? ob das nicht eine sehr technokratische, frankenstein´sche Vorstellung sei, man/ wir könnten menschen konstruieren? und was denn dann mit dem körper sei, mit dem, was wir von natur aus mitbringen, mit seinen eigengesetzlichkeiten… und ob es reicht, nur auf der ebene der präsentationen und repräsentationen von geschlecht anzusetzen, wo doch geschlecht ein komplexeres soziales phänomen ist, eingehängt in vielfältige soziale ungleichheitsverhältnisse und asymmetrien?
ich will hier nicht ins detail dieses streits gehen, der die feministische diskussion seit bald 10 jahren stark prägt und auch von anderer theoretischer warte aus gefüttert worden ist (sozialkonstruktivismus). wichtig scheint mir dagegen, festzuhalten, dass nur ein bestimmtes verständnis von „konstruktion“ in hinsicht auf geschlecht weiterhilft und angemessen ist: geschlecht, sex, sexualität sind gesellschaftliche konstruktionen dadurch, dass sie, wie oben aufgezeigt, einen arbeitsteiligen prozess der herstellung voraussetzen: die erarbeitung speziellen wissens, spezieller wissenschaftsdisziplinen, die einflussreich werden (z.b. die endokrinologie), gesellschaftliche akzeptanz (bzw. auch kritik, denn konstruktionen werden gegen gegnerInnen erhärtet, bewährt), gesellschaftlich gemeinsame regelbefolgung (männer dürfen nicht ins frauenklo), die individuelle einschreibung in einen körper, ein leben, das ausleben dieser dimension durch das individuum, leidvoll oder nicht.
es kommt mir hier also weniger darauf an, Sie mit einer fertigen definition von „geschlecht“ zu konfrontieren, obwohl die sozial- und kulturwissenschaften hierfür ein breites repertoire an deutungen und analysemöglichkeiten bereitstellen. festhalten will ich, dass „geschlecht“ mehrdimensional ist.
* geschlecht ist ein strukturelles phänomen, das sich in der hartnäckigen organisation gesellschaftlicher arbeit äussert; etwas technisch als geschlechtsspezifische arbeitesteilung bezeichnt. das beispiel tony blairs, der nicht einmal eine woche erhziehungsurlaub nehmen will oder kann, ist da nur eines der amüsantesten und steht für die skandalöse tatsache, dass männer in der regel keine oder nicht angemessen viel verantwortung und arbeit in der versorgung anderer menschen übernehmen.
„geschlecht“ ist also als ein sozialer platzanweiser teil der identität, an den sich folgenreiche ein- oder ausschlüsse in den arbeitsmarkt, die politik, leitende positionen binden.
* geschlecht ist ein ideologisches problem, solange mit der „fest-stellung“ von geschlecht bestimmte rollenvorstellungen und verhaltenserwartungen geknüpft sind. plattitüden geschlechtsspezifischer vorurteile will ich hier nicht wiederholen. aber im zweifelsfall sind frauen eben doch im kontext von stelenbesetzungerfahrungen „weniger qualifiziert“ als männer – geschlecht wird mit kompetenz verwechselt bzw. gekoppelt.
alltagssexismen der harmloseren art stehen oft im kontext anderer herrschaftsformen: rassistischer ansprache etwa. Rassistisch motivierte gewalt kommt sehr oft in sexualisierter rede oder tat daher, in frauenfeindlichen oder homophobem gebrüll.
* geschlecht ist ein individuelles phänomen. das zusammenspiel von körper, gewählter oder herbeigezwungener geschlechtlicher identität wird bei uns, d.h. in westlichen gesellschaften, zumeist zwangsvereindeutigt, obwohl es überhaupt keinen zwingenden grund dafür gibt. frau und mann und ? können sehr wohl mit demselben geschlecht, ohne geschlecht, mit und ohne kinder, mit verschiedenen sexuellen interessen oder ohne sie gut leben – könnten, wenn nicht der soziale druck, nicht aus dem rahmen fallen zu dürfen, subtil und hoch wäre und oft keinerlei raum liesse, sich selbst zu (er-)finden.
aber natürlich haben sich menschen auch unter diesen bedingungen wege geschaffen, ihr begehren, ihre sicht auf die welt, auf ihr von aussen definiertes anderssein zu leben. „existenzweise“ nennt andrea maihofer die form, in der geschlecht je individuell gelebt wird – sei es in traditionellen oder gesellschaftlich stärker marginalisierten varianten. der begriff will darauf rücksicht nehmen, dass „geschlecht“ eben nicht nur ideologie, sondern alltägliche erfahrung, nicht nur ein raster oder muster, sondern ein ständiger prozess der selbst- und fremdwahrnehmung ist. und dass für die individuellen bedingungen, „es zu leben“, der kontext, ein gesellschaftlicher rahmen, gesellschaftliche macht- und herrschaftsverhältnisse mitzudenken sind.
klingt dies vielleicht zunächst abstrakt oder in dieser allgemeinheit banal, so ergeben sich doch bei näherer überlegung folgenreiche konsequenzen: niemand ist auf die gleiche weise frau, mann, etwas Drittes wie jemand andere/s. wir müssen uns darüber verständigen, was das leben in geschlechtern für einzelne bedeutet, woran sie leiden, was sie mögen, wofür sie nicht diskriminiert werden wollen. und welche optionen sie gerne wählen würden, wenn sie könnten. das leben von migrantInnen in dieser gesellschaft bricht sich auf spezielle weise anders an der trennlinie m/f.
* die brüchigkeit, beweglichkeit und widersprüchlichkeit der eigenen identität wird deutlich. wir betreiben permanent ein mangement der komplexität, wenn wir in unterschiedlichen sozialen kontexten als vergeschlechtlichte person angerufen werden. die anteile, die uns zugeschrieben werden, die, die wir uns selber aussuchen, `passen´vielleicht nicht zusammen, und wir überbrücken die kluft manchmal vielleicht eher notdürftig.
* die seit ca. 10 jahren entstehende männerforschung (die sich in vielem auf die feministische theorie bezieht), macht deutlich, dass auch `männlichkeit´als dominantes gesellschaftliches leitbild in die krise geraten ist, nicht mehr ungebrochen gelebt werden kann, infragegestellt wird oder einfacht auf neue gesellschaftliche situationen keine antwort mehr bietet.
*die zeitgebundenheit von geschlechterdefinitionen macht es notwendig, auch gesellschaftskritische und -theoretische überlegungen anzustellen; die isolierte rede über geschlecht ist buchstäblich bodenlos.

genug der langen rede, zu den taten. ich denke, es kommt vor allem darauf an, die grenzen von geschlechterdiskursen zu erkennen, das ausfransen zu beobachten und die ausschliessenden effekte wahrzunehmen, die mit geschlechterverhältnissen verbunden sind.
aus den anstössen und theorien der `queer bewegung´, die zunächst von schwulen und lesbischen aktivistInnen in den usa ausgingen und mittlerweile auch hier ankommen, kann man lernen, dass auch das einklagen der anerkennung einer marginalisierten identität zu einem nur teilweise erwünschten ergebnis führt: nämlich zu einer `neuen´ identität im feld geschlechtsspezifischer platzanweisung, die nach wie vor zweigeschlechtlich organisiert ist. darin geht selbstverständlich das anliegen queerer aktivistinnen nicht auf. sie versuchen demgegenüber genau, mit der paradoxen situation umzugehen, dass die zweigeschlechtliche kulturelle und wissens-matrix thematisiert werden muss, um sie unterlaufen zu können. das eingebundensein in diese matrix und der situationelle ausstieg aus den angesonnenen zwängen sind hier pole eines vielgestaltigen sozialen feldes.
zwei gegenstrategien werden als ausweg aus den zwängen durch „geschlecht“ diskutiert: geschlecht sollte jenseits von binären kosntruktionen vielfältig gefasst und schliesslich ganz unwichtig werden. die befreiung von heteronormativen zwängen würde durch die abschaffung bzw. das unwesentlichmachen von geschlecht erreicht werden können. andere strategien wollen zwar geschlecht nicht verschwinden lassen, es aber vielfältiger und weiter fassen und damit die binäre struktur und die darauf aufgebaute herrschaftsform verlassen, die die legitimationsbasis für daraus abgeleitete soziale verhaltensweisen bietet.
`intersexualtität´ legt als begriff das `zwischen´ (eben zwischen den beiden dominanten geschlechtern) nahe; wo immer dieser metaphorische raum ist. er ist belebt, wie wir gehört haben. und so bleibt dann wohl vorläufig erstmal, sich um das genauso schwierige wie notwendige abenteuer zu bemühen, dem zwang zur zweigeschlechtlichkeit ein schnippchen zu schlagen und verantwortlich, vorsichtig, aufmerksam und liebevoll zu schauen, wie andere als geschlecht existieren. natürlich mit der hoffnung, dass, bald, ganz bald, eine vielfalt von existenzweisen gleichberechtigt möglich ist.

Fußnoten
[1] der text ist als kommentar zu michel reiters vortrag über intersexualität in dem gemeinsamen workshop entstanden und wollte einige publikumsorientierte punkte für die diskussion ansprechen.
[2] john money war fatal einflussreicher sexualpsychologe an der john hopkins university in baltimore. er entwickelte ein behandlungsprotokoll für intersexuell geborene kinder, das seit den späten 50er jahren verbindlich in der klinischen praxis in den vereinigten staaten und europa zur anwendung kam. vgl. den erschütternden bericht aus der praxis von colapinto 1999.

Literatur
Butler, Judith (1995): Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts. Berlin.
Colapinto, John (2000): As nature made him. The boy who was raised as a girl. New York. Demnächst in Deutsch: Der Junge, der als Mädchen aufwuchs. Düsseldorf.
Duden, Barbara (1987); Geschichte unter der Haut. Stuttgart.
Engel, Antke (1997): ene mene meck und du bist weg. über die gewaltsame herstellung der zweigeschlechtlichkeit. In: Hamburger Zeitung für Frauenforschung 53, S. 26-8
Foucault, Michel (1977): Sexualtität und Wahrheit. Frankfurt/M. Bd. 1.
ders. (1982): Die Ordnung des Diskurses. Frankfurt/M.
ders. (1998): Über Hermaphrodismus. Der Fall Barbin. Frankfurt/M.
Genschel, Corinna (1999): queer ist queer… ist queer ist…queer? Überlegungen zur Karriere eines Begriffs. Vortragsmanuskript zur Tagung „Queer – beliebt oder beliebig“? Frankfurt, November 1999.
Hark, Sabine (1996): Deviante Subjekte. Die paradoxe Politik der Identität. Opladen.
Hausman, Berenice L. (1995): Changing Sex. Transsexualism, Technology, and the idea of Gender. Durham, London.
Hirschauer, Stefan (1993): Die soziale Konstruktion der Transsexualtität. Über Medizin und den Geschlechtswechsel. Frankfurt/M.
Kessler, Suzanne J. (1998): Lessons from the Intersexed. London u.a.
Laquer, Thomas (1992): Auf den Leib geschrieben. Die Inszenierung der Geschlechter von der Antike bis Freud. Frankfurt/M., New York.
Lauretis, Teresa (1994): Technology of Gender. London.
Lindemann, Gesa (1993): Das paradoxe Geschlecht. Transsexualität im Spannungsfeld von Körper, Leib und Gefühl. Frankfurt/M.
Maihofer, Andrea (1995): Geschlecht als Existenzweise. Macht, Moral, Recht und Geschlechterdifferenz. Frankfurt/M.
Reiter, Birgit-Michel (1997): Geschlecht uneindeutig? Ein Fall für Doktor XX/Xy. Genitale „Korrekturen“ an intersexuellen Menschen. In: Hamburger Frauenzeitung 53, S. 20-4.
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