Nella & Seelenlos 22.04.2009

Das Problem ist altbekannt: Viele Zwitter werden nicht nur genital zwangsoperiert, sondern zusätzlich zwangskastriert und benötigen deshalb für den Rest ihres Lebens eine so genannte „Hormonersatztherapie (HET)“. Seit Jahren weigern sich die Mediziner, für eine adäquate HET kassenpflichtige Rezepte auszustellen, obwohl Zwangskastrierte dies seit langem fordern.

Die „Forschungsgemeinschaft Netzwerk DSD“ sucht nun als Antwort auf diese Forderung aktuell Versuchskaninchen für eine wenig realistische Zulassungsstudie – für pragmatische Hilfe für die Zwangskastrierten besteht bisher trotz erneuter Aufforderung kein Musikgehör …

TERMINE (Details in Kürze):
- Hamburg 29.4., 17h, Rathaus: Anhörung vor Bürgerschaftsausschuss
- Köln 20.5., 14h, Landgericht: Demo + 3. Prozesstag im „Zwitterprozess“
Da die meisten der Zwangskastrierten von den Medizinern operativ „zu Mädchen gemacht“ werden, besteht die HET prinzipiell aus Östrogen – obwohl viele Zwitterkörper „von Haus aus“ Testosteron produzieren (und dieses je nach Bedarf in körpereiges Östrogen umwandeln – Zwitter mit so genanntem „Androgen-Insuffizienz-Syndom (AIS)“).

Diese Östrogen-HETs wurden nie klinisch getestet, den Zwangsoperierten werden Präparate aufgezwungen, die eigentlich nur für Frauen in der Menopause zugelassen sind, d.h. sie erfolgen experimentell als „Off Label-Use“. Obwohl negative Folgen seit längerem auch in der medizinischen Literatur bekannt sind (unter anderem Depressionen, Adipositas, Stoffwechsel- und Kreislaufstörungen, Osteoporose, Einschränkung der kognitiven Fähigkeiten und Libidoverlust), weigern sich die Mediziner bis heute, zwangskastrierten Zwittern eine HET nach Bedarf und Wunsch zuzugestehen.

Mehrere Betroffene begannen schliesslich, auf eigene Faust Testosteron zu nehmen, viele davon mit positiven Resultaten. In Deutschland, Österreich und in der Schweiz weigern sich die Mediziner jedoch, für Testosteron Rezepte auszustellen, die von der Kasse übernommen werden – bezeichnenderweise gerne mit der Ausrede, eine HET mit Testosteron sei „Off Label-Use“ … Sprich, die Zwangskastrierten müssen eine adäquate HET noch aus der eigenen Tasche bezahlen! Seit Jahren besteht deshalb die Forderung an die Mediziner und insbesondere das „Netzwerk Intersexualität/DSD“ bzw. „Euro-DSD“, diesem Unfug endlich ein Ende zu bereiten.

„NETZWERK DSD“: UNREALISTISCHE STUDIE STATT PRAKTISCHE HILFE

Als Reaktion auf diese Forderung kündigt nun Prof. Olaf Hiort, 1. Vorsitzender „Netzwerk DSD“, eine „Klinische Studie zur Testosteronsubstitution bei kompletter Androgenresistenz“ an, mit dem Ziel einer künftigen Kostenübernahme von Testosteron wenigstens bei Zwangskastrierten mit CAIS.

Die Teilnahme an dieser Studie, und insbesondere das Monate lange Absetzen jeglicher HET vor bzw. zwischen den Blindversuchen, über die Dauer eines ganzen Jahres, bedeutet aber für die teilnehmenden Zwangskastrierten ein Jahr lang massive körperliche und seelische Strapazen, die beispielsweise für das Berufsleben je nach dem auch bleibende negative Auswirkungen haben können. O-Ton Prof. Hiort: „Ich hoffe, diese mail schreckt Sie jetzt nicht zu sehr ab.“

Aufgrund dieser ruinösen Teilnahmebedingungen ist es sehr unwahrscheinlich, dass sich die geforderten mindestens 30 Proband_innen finden lassen. Es ist deshalb von vornherein unrealistisch, dass die Studie überhaupt zustande kommt. Sie entpuppt sich somit als Alibiübung, um den schwarzen Peter weiterhin den Betroffenen zuschieben zu können.

ZWANGSKASTRIERTE FORDERN RECHTE STATT ALMOSEN – DAS „NETZWERK DSD“ SCHWEIGT

Anstelle der unrealistischen Studie gäbe es durchaus pragmatischere Möglichkeiten zur praktischen Hilfe. Die negativen Folgen von Östrogen-HETs und die positiven Wirkungen von Testosteron-HETs bei vielen Betroffenen ist durch eine Vielzahl von Fallbeispielen erwiesen, die auch dem „Netzwerk DSD“ bekannt sind.

Für viele Zwangskastrierte ist es zudem sehr störend, wie das „Netzwerk DSD“ permanent unterschlägt, dass auch die Östrogen-HETs nie klinisch getestet wurden und somit ebenfalls einen „Off Label-Use“ darstellen. Diese scheinheilige Ungleichbehandlung ist klar entwürdigend und diskriminierend.

Die inzwischen zurückgetretene 1. Vorsitzende von Intersexuelle Menschen e.V. Daniela Truffer forderte deshalb im Namen des Vorstands das „Netzwerk DSD“ zu einer Stellungnahme auf betreffend realistischerer Möglichkeiten, den durch die Medizin geschädigten Zwangskastrierten endlich zu ihrem guten Recht zu verhelfen.

Wie stets bei Anfragen Betroffener kam von Seiten des Netzwerks DSD bisher keine Antwort …